Steve Jobs – der Anti-Philanthrop

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Schutzumschlag Biograpie Steve Jobs

>> Direkt zum Update vom 22. Februar 2012

Wie ich heute, nach der Lektüre der Biographie von Walter Isaacson weiß, habe ich Steve Jobs ein „Erweckungserlebnis“ zu verdanken. Und zwar eines, das erst Jahre später zum Tragen kommen – dann aber sehr nachhaltig meinen gesamten Lebensweg beeinflussen sollte:

Mitte der 1980er Jahre waren mein Vater und ich begeisterte Benutzer einer für damalige Verhältnisse unfassbar elitären Computerausstattung: ein C64 nebst Diskettenlaufwerk und – Achtung, jetzt kommt’s! – einem Farbmonitor. Das werde ich wohl nie vergessen. Wir hatten einen „Taxan Vision Ex“ – während der Rest der Welt die Bits von Kassettenlaufwerken nuckeln und die Oma vom Fernseher wegschubsen musste, um den 64er dort anzuschließen. Just damals gab es für kurze Zeit auf der „Unterhaltungselektronik-Ebene“ im Wiesbadener Hertie-Kaufhaus einen Sonderstand: Wenn man von der Rolltreppe purzelte, fand man sich direkt vor einem Apple Shop-in-Shop wieder. Und dort standen zwei Geräte zum „Spielen“, die wir nur aus der einschlägigen Presse kannten: Da stand ein Apple IIc und daneben, unglaublich, einer dieser beispiellosen Macintosh-Computer. Beide Rechner haben auf den ersten Blick etwas, was uns schon vor Ehrfurcht erstarren lässt: ein Design.

Merke; wir sprechen über die Zeit von Brotkasten, Türstopper und Würg. Die Berührungsangst wurde noch größer, als ein Verkäufer angetrappelt kam und uns freudestrahlend auf das Preisschild aufmerksam machte: der Mac würde jetzt nur noch (und das meinte er ernst) 9.995,– DM kosten. Offenbar war er vorher noch teurer. Eine kleine Hilfestellung zur Einordnung: Für das gleiche Geld konnte man auch einen japanischen Kleinwagen kaufen. Erst zehn Jahre später sollte ich meinen ersten Mac bezahlen können. Aber damals war mir der Preis dann doch egal.

Denn neben dem Rechner, da war sie: die elektronifizierte Mystik, die Maus. Der Rechner selbst: hochintegriert, inklusive Bildschirm. Darauf zu sehen: Symbole. Ein Schreibtisch offenbar. „Grafik“ kannten wir bis dahin nur von Spielen. Und hier? Ein Zeiger, den man mit der Maus bewegen und damit Vorgänge starten konnte. Wo wir kryptische Befehle kennen und tippen mussten, wurde hier schon gedragt und gedroppt. Wir hatten Berührung mit einer anderen Welt. Einer Welt, in der Computer dazu da sind, etwas damit zu tun. Nicht, sie zu verstehen. Wir waren verschreckt, irritiert. Ein Computer, der nicht Selbstzweck ist? Der Mac war uns weit voraus. Nicht nur im Preis.

Wenn ich heute die Lektüre der Biographie mit diesem Erlebnis überlagere, wird mir ansatzweise klar, wie unglaublich aufwändig es gewesen sein muss, diesen Rechner in jener Zeit auf seine Gummifüße zu stellen. Dazu gehörte mehr als Wissen, Geld und Durchsetzungskraft. So eine erschütternd radikale Innovation kann nur jemand erdenken und umsetzen, der eine besondere Form von Störung haben muss. In diesem Fall: Steve Jobs. Man lernt in diesem Buch viel über den Mann hinter der stetigen radikalen Innovation.

Dabei steht im Buch nicht die Technik im Vordergrund, sondern vielmehr das, was diesen Mann antrieb, Produkte in dieser einzigartigen Qualität zu erdenken und zu liefern. Mir bleiben nur wenige positive, menschliche, gewinnende, Eigenschaften in Erinnerung. Wenngleich ich dieses beklemmende Gefühl bei der Lektüre nicht hatte. In sich ist die Figur Steve Jobs schlüssig. Er hat sich nur keinen Deut darum gekümmert, ob seine Umwelt mit ihm klarkommt oder nicht. Loyalität scheint ihm wichtig gewesen zu sein. Er wollte von brillanten Menschen umgeben sein – ohne diesen seinerseits nennenswerte Anreize zur Zusammenarbeit zu bieten.

Außer seines unbestreitbaren Marketing- und Produktgenies hatte er diesen brillanten Menschen seinerseits wenig zu geben. Und diese Problematik reicht leider auch weit in sein Familienleben hinein. Er war ein kompromissloser Arbeiter. Dabei war er interessanterweise nicht davon getrieben, finanziellen Reichtum zu erlangen. Sein Antrieb war es eher, Menschen Werkzeuge an die Hand zu geben, mit denen sie so einfach und effektiv wie möglich ihre eigentliche Arbeit erledigen können. Einige Eigenschaften haben mich dann aber doch sehr positiv eingenommen:

  • Steve Jobs hat bei Produkten, von denen er nicht überzeugt war, selbst noch kurz vor Markteinführung die „Notbremse“ gezogen und sie eingestampft oder die Entwicklung komplett neu gestartet. Im Buch werden dazu ausführlich Beispiele genannt: verschiedenste Gehäuse von Produkten; Bediener-Interfaces, der Film „Toystory“ von Pixar; die monatelange Konzeption der Applestores, die quasi Stunden vor der Präsentation komplett verändert wurde.
  • Ein Unternehmen gründen – sein erlebtes Beispiel war Hewlett-Packard –, das so von innovativer Kreativität durchtränkt ist, dass es seine Gründer überlebt. Das hat er wohl erreicht: meint zumindest der Autor des Buches „Inside Apple“ in diesem interessanten Interview auf YouTube.
  • Immer wollte er Grenzen erweitern, an den Rand des bekannt Machbaren vorstoßen, ihn erweitern. Der Macintosh an sich ist dafür vielleicht in der Tat das beste Beispiel. Aber auch das iPhone, die Stores … jeweils in bestimmten Aspekten. Und wenn er etwas abgeschlossen hatte, lag bereits das nächste Projekt in seinem Blickfeld. Stillstand war ihm zuwider.
  • Fokussierung: Steve Jobs hat immer versucht, sich auf wenige gleichzeitig laufende Projekte zu beschränken. Denn er wollte sie zu einem perfekten Produkt ausentwickeln. Wenn ihm das – aus seiner Sicht – nicht gelang, stellte er die Entwicklung ein und fokussierte sich auf neue, lohnendere Projekte.
  • Und, das muss man sich bewusst machen: er war in der Lage, auch in branchenfremden Details Chancen für die Schaffung revolutionärer IT-Produkte zu entdecken. Doch da beginnt der Wahnsinn erst: er hat es auch unendlich oft geschafft, dann tatsächlich Einzigartiges aus diesen Ideen zu entwickeln und in Produkte zu gießen. Das ist ganz großes Kino.

In all seiner Komplexität und mit seinen Sonderformen von Dankbarkeit, die er im Laufe seines Lebens entwickelt hat, wurde dennoch nie ein Philanthrop aus ihm. Und das leuchtet meines Erachtens die Schattenseite seines Charakters sehr deutlich aus: er war der Meinung, der Menschheit durch seine Produkte soviel geschenkt zu haben, dass weitere milde Gaben seinerseits nicht notwendig sind. Nein, Demut und Empathie gehörten nicht zu seinen Stärken.

Jeder, der im weitesten Sinne etwas mit Marketing und Produktentwicklung zu tun hat, sollte diese Biographie lesen. Sie zeigt, dass der Ansatz von Apple, der Ansatz von Steve Jobs schlußendlich doch gegen den Moloch IBM/Microsoft gewonnen hat. Weil er flexibler, weil er bissiger, weil er menschlicher war – und ist. Weil das tiefe Verständnis des Menschen, der die Produkte kaufen soll, intuitiv immer im Vordergrund stand.

Ein beeindruckendes Leben, eine bewegende Lektüre. Mit dem Mac hat Jobs eine Veränderung der Welt eingeleitet, wegen der ich seit 15 Jahren einen Beruf ausübe, der ohne ihn vermutlich niemals entstanden wäre. Und ich teile seine Auffassung: Immer in Bewegung bleiben. Grenzen verschieben, durchbrechen. Dem Kunden liefern, was er braucht. Auch, wenn er es vielleicht noch gar nicht weiß. Danke, Steve.

[ Update 22-02-2012 ]

In der aktuellen Ausgabe des europäischen Time-Magazins liefert Rana Foroohar in der Rubrik „The Curious Capitalist“ einen lesenwerten Artikel über die breite Wirkung, welche die Biographie in der Welt amerikanischen Universitäten seit ihrer Veröffentlichung entwickelt. Grundtenor: Rückt ab von der Effizienzsteigerung – stellt die Qualität eurer Produkte wieder in den Vordergrund! Zitiert wird insbesondere die Harvard Business School, die den Schwerpunkt von finanziellen Aspekten der Unternehmensführung hin zur nachhaltigen Produktentwicklung verlegt. Und das auf den Erfolg von Steve Jobs zurückführt. Lesenswert!

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3 Antworten auf „Steve Jobs – der Anti-Philanthrop“

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