Meine Zeitung

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Man wird ja noch träumen dürfen.

Nachdem nun mit der Frankfurter Rundschau eine große Tageszeitung in die Insolvenz gegangen ist, hebt wieder das große Wehklagen über das Zeitungs-, Verlags- und Print- und Sonstwassterben an. Doch ich frage mich: Was ist mit „Zeitungssterben“ eigentlich gemeint?

Ich verstehe unter „Zeitungssterben“ das Verschwinden von Informationsangeboten, die sich an ihren Lesern vorbeientwickelt haben. Dass dieses Verschwinden auch etwas mit dem Bedrucken von Papier auf sehr großen Maschinen zu tun hat, spielt in dem, was ich hier schildere, durchaus eine Rolle – ist aber nicht das eigentliche Thema.

Was passiert da?

Ich gehöre einer Generation und Bildungsschicht an, die das Vorhandensein einer oder mehrerer Tageszeitungen im Haushalt von Kindesbeinen an als Normalität erlebt hat. Die „Tageszeitung“ steht dabei als Synonym für aktuelle, sauber recherchierte und für mich als Leser aufbereitete Information. Heute habe ich, von meiner kindlichen Prägung abgesehen, leider kaum noch einen Bezug zur klassischen Papierzeitung. Woran liegt das?

Mein Leseverhalten im Wandel der Zeit

Während meiner Kindheit und Jugend waren stets eine lokale Tageszeitung plus verschiedene überregionale Tageszeitungen in meinem Zugriff. Ergänzend konnte ich regelmäßig Magazine wie Time, Newsweek, Spiegel und Stern lesen. Das war, was die Verfügbarkeit von Information angeht, ein sehr breites und wertvolles Informationsspektrum.

Zu Beginn der 1990er Jahre führte mich ein studentischer Ausflug in die Welt der Universitäten und ich abonnierte vom ersten Tag weg folgende Titel:

  • Spiegel
  • Time
  • Lokale Tageszeitung
  • Frankfurter Rundschau
  • Frankfurter Allgemeine
  • Verschiedene IT- und Print-Fachmagazine

Ja, ich bin ein Informationsjunkie. Und ich konnte das nur finanzieren, weil Studenten deutlich weniger für die Abos zahl(t)en als „reguläre“ Abonnenten. In meinen Augen stellte die obige Liste mein informationelles Existenzminimum dar. Doch was geschah dann?

Mit der Aufnahme einer geregelten Tätigkeit konnte ich mir den Luxus dieser breiten Informationsversorgung weder finanziell noch zeitlich leisten und beschränkte mich – bis heute – auf Abonnements von Time, Spiegel und einer lokalen Tageszeitung.

Über einen Zeitraum von gut 10 Jahren hinweg musste ich damit leben, dass mein Informationsbedürfnis nicht mit meiner Finanzkraft überein zu bringen ist. Etwa ab dem Jahrtausendwechsel ging es mir langsam besser, weil ich aus verschiedenen, primär internationalen, Quellen wieder an aktuelle Infos kommen konnte – über das Internet. Fortan begann ich meine Tage damit, in einem Internetbrowser die Bookmarks „meiner“ zehn, zwanzig Tageszeitungen und anderer Newsdienste zu öffnen, um mich auf den aktuellen Stand zu bringen.

Der Knackpunkt

Haben Sie eine Vorstellung davon, wie provinziell, schlecht recherchiert, belanglos und veraltet eine Tageszeitung auf einen Menschen wirken kann, der es über Jahrzehnte gewohnt ist, sich über ein breites Meinungsspektrum zu informieren, um sich daraus eine eigene Meinung zu bilden?

Wie konsumiere ich Information heute?

Ich informiere mich heute in einer Zwischenwelt, pendelnd zwischen Web und Print, von der ich das Gefühl habe, dass sie in einem ungesunden Wandel ist – und bislang noch keine belastbaren Fixpunkte entwickelt hat. Diese Situation macht mich unzufrieden; ich habe das Gefühl, dass ich zuviel bezahle und zuwenig bekomme. Meine lokale Tageszeitung macht Befragungen, die mich in epischer Breite und dutzendfachen Wiederholungen zu Aussagen quälen, für welche Kombination aus App, Web und Print ich denn wohl bereit wäre, insgesamt 60 bis 70 Euro zu bezahlen. Das kann ich kurz machen: für keine!

Und der Grund dafür ist ganz einfach formuliert: Es gibt kein Informationsangebot, von dem ich mich ausreichend bedient fühle. Jedenfalls keines, das ich mir über eigene Recherche und die Kombination verschiedener Quellen nicht in höherer Qualität selbst zusammenstellen kann.

Was will ich haben?

Primär möchte ich, dass mir die Information fließend in meinem Nutzungskontext folgt, dass die Tools meine bevorzugten Themen stärker gewichten als den Rest – ohne mir wichtige andere Informationen zu unterschlagen. Und dazu gehört für mich auch Gedrucktes – das ich anders konsumiere als jene reine Information, die mich auf dem Laufenden halten soll.

Information muss sich vor mir aufblättern wenn ich es wünsche. Ich brauche eine schnelle, kompakte Übersicht, die topaktuell ist. Ich brauche kurze Bestandsaufnahmen. Ich möchte News markieren, zu denen ich später, in einem anderen Nutzungskontext, mehr, tiefere und bewertete Informationen wünsche.

Nein, das geht nicht, wenn verschiedene Informationskanäle sich gegen andere abgrenzen wollen. Das geht nicht, wenn „meine Zeitung” glaubt, mit jedem Informationskanal zweistellig an mir verdienen zu können. Ich bin EIN Abonnent. Ich bestimme, wie und wann ich die Information konsumieren will.

Ergänzend ist mir auch ein brauchbares Archiv wichtig. Ich möchte schnell und möglichst gut recherchieren können. Heute werde ich mit Abo-Modellen gelangweilt, die im allerschlimmsten Fall auch noch Zusatzkosten für das Archiv aufrufen.

Folgende Punkte funktionieren heute nicht so, wie ich es brauche:

  • Information folgt mir nicht in meinem Nutzungskontext.
  • Information ist selten sauber strukturiert und gut auffindbar.
  • Ich habe keine Möglichkeit, Information „aufzufalten“ (s.u.)
  • Ich bekomme kein brauchbares Archiv.
  • Ich kann wichtige Informationen elektronisch schlechter weitergeben als einen kopierten Artikel, den ich einem Kollegen zukommen lassen möchte (Reklame!)

Ich sollte noch deutlicher machen, was ich mit „Information auffalten“ meine:

Ausgangspunkt für die Befriedigung meines Informationsbedürfnisses ist eine äußerst kompakte Newsübersicht, die ich wahlfrei auf dem Rechner oder dem Handy abrufen kann. Dort kann ich News markieren, die ich später ausführlicher lesen möchte. Wenn ich nun im Stau auf der Autobahn einige Nachrichten auf dem Handy markiert habe, kann ich am Rechner im Büro den dann aktuellen Stand genauer nachlesen. Wenn ich möchte, setze ich Bookmarks auf die betreffenden Themen; sie werden mir gesondert, ausführlich und mit Zusatzangeboten prominent angeboten – inklusive „Meinung“, einer Einordnung und – Achtung! – gerne auch auf dem Ausgabemedium Papier. Denn längere Artikel lese ich ungern am Rechner, Tablet oder gar Handy. Themen, die ich mal derart ausgezeichnet habe, werden mir – wenn in 10 Monaten auf diesem Feld wieder etwas passiert – direkt angeboten und zeigen mir auf diesem Weg, dass ich mich für den richtigen Informationsanbieter entschieden habe.

Informiert mich!

Was ich heute brauche, ist nicht mehr die klassische Tageszeitung, die auf großen Maschinen gedruckt wird – für alle gleich. Was ich brauche ist, dass sich die Informationsanbieter mit meinem, nur meinem, Informationsbedürfnis beschäftigen und mir gestufte Nachrichtenqualitäten anbieten.

Aktuell setze ich mein Meinungsbild aus Print-Angeboten, Firmenwebsites, Blogs und Twittermeldungen zusammen. So schnell wie die beiden letzteren kann eine Nachrichtenredaktion niemals sein. Das muss sie auch nicht! Denn die Redaktion kann prüfen, gewichten, verknüpfen, Meinung bilden – und mich begeistern.

Was haben die Zeitungen davon? Die Redaktionen liefern sauber recherchierte, relevante Informationen. Und die kaufe ich ein – wenn ich dabei nicht in meiner Nutzung eingeschränkt werde. Und was wäre mir das alles wert? Ich würde 50 Euro im Monat dafür zahlen – und mich freuen.

Kinder an die Macht

Es dürfte deutlich geworden sein, dass ich großen Wert auf „gute“ Information lege – und bereit bin, das auch finanziell zu honorieren. Aber ich glaube, Informationsanbieter haben noch nicht begriffen, dass die Zeiten des „Pressluft-Sendens“ vorbei sind. Und solange sie das nicht einmal bemerken, werden immer mehr Lichter ausgehen.

So, liebe Informationsanbieter – macht was draus! Die Kinder, die heute in die Grundschule gehen, sind euer Benchmark. Bei wie vielen davon liegt heute noch eine Zeitung auf dem Frühstückstisch? Wie filtern und verarbeiten die Information? Kümmert die es, ob da turmhohe Maschinen stehen, die Papier bunt machen?

Es geht um die Information!

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Ein Gedanke zu „Meine Zeitung

  1. Pingback: Rethinking Tageszeitung: Was will eigentlich Kunde Nummer 2 – die Werbebranche? | Karlshochschule International University

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