Krieg der Welten – 1/6

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Ein Flyer zwischen XPress, InDesign und Scribus und … CorelDraw

Foto aller Flyer-Druckmuster
Bis zu diesem Foto war es ein weiter Weg …

Im Herzen bin ich ein klassischer DTPler, ein „Reinzeichner“, ein Mann von Schusterjunge, Hurenkind und dem schnellen Vektorlogo. Mein Erstkontakt mit DTP fand Mitte/Ende der 1980er Jahre mit der Software „PublishingPartner“ auf dem Amiga statt. Ich bastelte Kassettencover, die ich auf meinem NEC P6 24-Nadeldrucker lautstark in die Welt hämmerte. Meist warf ich ein Schafsfell über den Drucker um den Lärm zu dämmen … aber ich war angefixt.

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Nach einigen Umwegen machte ich dieses Hobby zu meinem Beruf und arbeitete fortan in einem modernen Litho-Unternehmen an einer Quadra 700 mit Quark XPress 3.1. Für die geforderte Katalogproduktion musste man etwas Demut mitbringen; aber man lernte, effektiv zu arbeiten. Sprich: Mausklicks und überflüssige Aktionen zu sparen.

Irgendwann driftete Quark in pechschwarzer Hybris ab und stagnierte in vielerlei Hinsicht. Ich wendete mich InDesign zu, jenem modernen, kompakten und intuitiv zu bedienenden Programm, das es in Version 1.0 und 1.5 noch war. Eine Befreiung! Kein Dongleärger mehr, spielerisches Layouten, eine unglaublich gute Bildschirmdarstellung … es gab nur wenige Gründe, ein Tränchen in Richtung Quark zu verdrücken.

Seit nunmehr gut 10 Jahren arbeite ich fast ausschließlich mit InDesign. Wenn ich Quark öffne, bekomme ich wohlige Gefühle; Ausbildung, Sicherheit, ein einfaches Leben. Doch wehe, ich soll etwas darin arbeiten. Ich stolpere umher wie ein Schulpraktikant in PowerPoint. Es fühlt sich schlimm an. Niemand fordert es von mir; der letzte Kunde, der XPress-Files geliefert hat, war eine frisch pleitegegangene Druckerei.

Es geht mir bei diesem Vergleich nicht darum, die Programme gezielt auszutricksen oder an irgendein selbstgestecktes Limit zu führen. Nein, ganz im Gegenteil:

Ich möchte sinnvoll vorbereitete RGB/CMYK-Daten in die Layouts stopfen. Ich richte die Programme gemäß aktuell dokumentierter Farbmanagement-Settings ein und tue nichts, womit ich bewusst Ärger provoziere. Kurz: ich verhalte mich professionell und erwarte, dass die Programme mir eine druckfähige PDF liefern. Die ich dann auch tatsächlich bei einer Onlinedruckerei produzieren lasse. Schnitt.

Warum mache ich das hier?

Vor ein paar Jahren bin ich erstmalig über das OpenSource-DTP-Programm Scribus gestolpert, habe es in einem mühseligen Prozess installiert, ein wenig darin herumgeklickt und das Experiment nach dem dritten Absturz beendet. Das ist nix. Oder besser: das war nix. Doch kürzlich gab es eine neue Meldung: Scribus 1.4 wäre jetzt verfügbar. Eins Punkt Vier? Also quasi noch immer Beta? Viele angezeigte Eckdaten ließen vermuten, dass Scribus nun auch aus Sicht eines Mac-Anwenders langsam ein „normales“ Programm geworden ist. Aber das wollte ich nun etwas genauer wissen. Gesagt, getan:

Die Installation von Scribus läuft zunächst ohne besondere Auffälligkeiten ab. Als ernsthafter Anwender merkt man schnell, dass man tunlichst GhostScript installieren sollte … sonst hat man wenig Freude an den fehlenden EPS- und sonstigen Vektorfunktionalitäten. Kleine Randbemerkung an dieser Stelle: auch CorelDRAW ist auf GhostScript angewiesen.

Scribus kann alles, was man von einem DTP-Programm erwartet. Und verfolgt einen anderen Bedienansatz als die anderen getesteten Programme. Das ist spannend und eröffnet neue Möglichkeiten. Es gibt ein funktionierendes Farbmanagement, man kann zuverlässig mit Ebenen und Absatzformaten arbeiten. Und es hat äußerst leistungsfähige Vektorfunktionen – bis hin zu einem integrierten Barcode-Generator, den, noch ausgefeilter, auch CorelDraw besitzt.

Ich beschloss, mich ein wenig selbst zu kasteien und ein doppeltes Experiment zu wagen: als heute eingefleischter InDesign-User wollte ich dort einen Flyer erstellen, der aus meiner Sicht aktuelle Basics nutzen sollte. Einen Flyer, den ich in einem halben Tag in InDesign komplett ausentwickeln kann. Einen Flyer, bei dem ich an keinem Punkt in InDesign darüber nachdenken muss, wie ich ihn umsetzen kann. Basics eben. Und diesen Flyer wollte ich dann nicht nur im mir vollkommen unbekannten Scribus nachsetzen, sondern auch in XPress 9. Denn ich wollte wissen, wo Quark in Bezug auf die Grundlagen des DTP heute steht. Kein XML, keine Datenbankanbindungen. Keine Apps, kein Webexport. Nein. Einfach nur „Reinzeichnung“.

Back to the roots – einfach nur Satzarbeit!

Eins nehme ich direkt vorweg: in Scribus habe ich mich gerne gequält. Denn ich konnte sehen, dass man einen anderen Ansatz verfolgt, als ich es gewohnt bin. Das muss aber nicht falsch sein. Und wenn ich damit kämpfe, wird es vermutlich primär an mir und meiner mangelnden Übung liegen. XPress hingegen hat mich während der Arbeit an diesem Test innerlich mehrfach fast kollabieren lassen. Dort hat sich für den Reinzeichner in den letzten 10 Jahren wenig bis nichts getan – und einige Funktionen, welche man in InDesign seit Jahren so unreflektiert nutzt, dass man nicht mal auf die Idee kommt, dass das anderswo nicht lösbar sein könnte, lassen einen in XPress staunen: weil dort nichts Vergleichbares zu finden ist.

Und als ich meine drei Flyer fertig hatte, juckte es mich in den Fingern, auch noch eine aktuelle Version von CorelDraw zu testen …

Goin’ all the way … bis zum Druck

Alle Flyer habe ich druckfertig aufbereitet und die erzeugten PDFs der Online-Druckerei hot-flyer.de übertragen; denn ich wollte wissen, ob es bei dem unterschiedlichen PDF-Handling zu eklatanten Abweichungen zwischen den Flyern kommt. Es ist also kein Test dieser speziellen Onlinedruckerei – ich habe sie nur deshalb gewählt, weil ich dort 10 Flyer für einen Endpreis von weniger als 10 Euro ordern konnte. Inklusive Versand. Mir war wichtig, die erzeugten PDFs einmal durch einen mir unbekannten Workflow laufen zu lassen um zu sehen, was passiert:

Außenseite des InDesign-Flyers
Außenseiten des InDesign-Flyers
Abbildung Flyer InDesign Innenseite
Innenseiten des Flyers

Lehrgeld musste ich übrigens wegen des komplexen Farbmanagements von XPress zahlen: mir ist leider ein Setting durchgerutscht, weswegen die unseligen Quark-eigenen „Generic“-Profile zur Umsetzung von RGB nach CMYK zum Einsatz kamen – damit waren die RGB-Objekte stark ins Rötliche verschoben. Äußerst ärgerlich – zumal ich schon bei der Einrichtung sehr genau wusste, was ich tue.

In der folgenden Beitragsreihe stelle ich nun die vier Programme lose in diesen Bereichen gegenüber:

  • Dokumentanlage und prinzipielles Objekthandling
  • Arbeitsumfeld. Wie wird der Bildschirm genutzt, nutzbar gemacht?
  • Textbearbeitung, Stilvorlagen, Umbrüche
  • Umgang mit Farbräumen und Transparenzen sowie Effekten
  • Leistungsfähigkeit der integrierten Vektortools
  • Testdrucke auf Inkjets und Datenaufbereitung für den Drucker
  • Besondere Stärken und Schwächen der Programme

Beginnen möchte ich mit Scribus. Denn es war der eigentliche Auslöser … los geht’s!