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Testflyer Scribus – Krieg der Welten – 2/6

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[ There is now also an English version of the Scribus part. ]

Lernen, zu lernen

Die Version 1.4 von Scribus ist der eigentliche Auslöser für die ganze Serie von Beiträgen gewesen. Denn ich wollte wissen, ob man in Scribus tatsächlich zum Ziel kommt; also eine druckfähige PDF jenes Flyers erzeugen kann, der einem in InDesign so lockerleicht von der Hand geht.

Ja, es geht. Scribus hat eigentlich in diesem Test nur zwei große Lücken offenbart:

  1. Transparenzen sind nicht wirklich vorhanden. Scribus „kann“ sie einfach (noch) nicht.
  2. Der schnelle Ausdruck auf dem heimischen Tintenstrahler ist ein Alptraum.

Der ganze Rest funktioniert; sogar sehr gut. Nachdem ich nun auch das Druckmuster des Flyers in der Hand halte, muss ich anerkennend sagen, dass insbesondere die RGB- nach CMYK-Umsetzungen von wunderbar hoher und neutraler Qualität sind. Darüberhinaus kann Scribus ein paar Dinge, die es für besondere Nutzerkreise sicherlich äußerst interessant macht.

Prinzipiell ist es aber schon aus einem einzigen Grund für jeden DTP-Anwender mehr als interessant: es kostet nichts! Denn Scribus ist ein OpenSource-Programm, das seit vielen Jahren langsam aber kontinuierlich weiterentwickelt wird. Wer mit seinen Einschränkungen klarkommt, hat ein mächtiges und zuverlässiges Werkzeug an der Hand.

Die Erstinstallation ist noch trivial; denn in der aktuellen Version bringt Scribus einen klassischen Mac-Installer mit. Das war bei den Vorgängern noch nicht so. Wer produktiv mit Scribus arbeiten will, muss auch noch GhostScript installieren. Da empfehle ich die Konsultation der Hilfe von Scribus; dort werden verschiedene geeignete Wege beschrieben, an diese Systemerweiterung zu kommen.

Hands-on

Originalscreenshot Scribus.
Bearbeitung des Flyers in Scribus. Die vielen kleinen Vierecke zeigen die Ebenenlage der Objekte an – das kann man ausschalten.

Man spürt schon beim Starten, dass Scribus etwas anders ist; dass es primär in den Händen von Entwicklern ruht und nicht von (vermeintlichen) Marketingmenschen rundgelutscht wurde. Man blickt auf nackte, krude Funktion. Oder anders: man sollte einen großen Monitor haben, damit neben den sperrigen Paletten noch etwas „Screen Real Estate“ für das eigentliche Dokument übrig bleibt.

Bei der Dokumentanlage glänzt Scribus direkt mit einem mächtigen Dialog, der bereits im ersten Schritt mehr Optionen bereithält, als sich in InDesign finden. Hat man sich durch diesen Dialog gehangelt, kommt man in einen zweiten, äußerst umfangreichen Einstellungsdialog, wenn man im ersten die Option „Dokumenteinstellungen nach dem Erstellen öffnen“ angeklickt hat. Und ich empfehle dem Erstanwender dringend, das zu tun. Und zwar mit etwas Zeit und einem offenen Geist. Denn hier kann man schon viel über den Habitus von Scribus lernen. Es funktioniert nicht, sich dieser Haltung zu verweigern. Dann bezwingt Scribus Sie und nicht umgekehrt … und Sie werden es nie wieder starten.

Wenn Sie sich aber darauf einlassen und die Mechanik von Einstellungsoptionen und den ihnen zugeordneten Werten an sich heranlassen, werden Sie immer wieder anerkennend nickend vor dem Bildschirm sitzen und sich fragen, wie großartig das alles sein könnte, wenn die Benutzeroberfläche nur etwas eleganter wäre …

Kurz und gut: wenn man sich mit den Bearbeitungsfunktionen angefreundet hat, kommt man sehr flott zu ansehnlichen Ergebnissen. Scribus liefert in seiner großen Hauptpalette den geschachtelten Zugriff auf alle veränderlichen Werte, die man Objekten auf der Seite zuweisen möchte. Die Farben und Stile, die man dort vorfindet, müssen an anderen Stellen im Programm definiert werden. Das ist, insbesondere für den eingefleischten InDesign-User, schon sehr sperrig. Quark-Anwender kommen mit diesem Modus vermutlich etwas besser zurecht.

Scribus arbeitet äußerst präzise und bietet schöne Tools, die in ihren Details zum Teil über die Funktionen von InDesign hinausgehen. Man muss sie nur finden. Ein Beispiel:

Sehr beeindruckt haben mich die Vektortools von Scribus. Sie sind sehr umfangreich und lassen sich nach einer Einarbeitungsphase sehr gut bedienen. Ohne diese Vektortools wäre es mir nicht gelungen, die komplexen Textboxen auf der Außenseite des Flyers aufzubauen. Nachdem ich mich auf die Logik von Scribus eingelassen hatte, klappte es ganz hervorragend. Dabei half auch, dass Scribus – wie InDesign und CorelDRAW – dem Anwender freistellt, welchen Haltepunkt des aktiven Objekts er zur Ausrichtung heranziehen will.

Weniger beeindruckt haben mich die Textwerkzeuge. Es ist zwar alles da, was man im Alltag braucht; aber das Ergebnis ist doch sehr hölzern. Und erinnert schwer an die Ergebnisse, die Quark XPress 3 lieferte, wenn man Text in einen Rahmen laufen ließ: es erfordert Nacharbeit, um zu einem visuell gefälligen Textfluss zu kommen.

Sehr fordernd war auch die Eingewöhnung in das Ebenenhandling von Scribus. Auch hier gilt; eine Reihe von interessanten und mächtigen Funktionen verbirgt sich in der Ebenenpalette – sie wollen hart erarbeitet sein. Bis ich begriffen hatte, dass ich nur auf der in der Palette aktivierten Ebene arbeiten kann, war mir der Blutdruck schon beträchtlich angestiegen.

Da ähnliche Erlebnisse immer wieder den Ausgang hatten, dass ich nur zu doof war, das Bedienkonzept von Scribus zu verinnerlichen, konnte ich stets sicher sein, dass das Problem alleine bei mir liegt – weil ich die Lösung nicht finde. Man aber davon ausgehen kann, dass es sie gibt …

Beispielsweise konnte Scribus problemlos meinen freigestellten Apple Cube importieren und hat auch angeboten, den Freistellerpfad für den Textumfluss zu benutzen. Dabei hat es sich aber an den durchgestanzten Flächen verbissen – und somit konnte ich den Freistellerpfad letztlich doch nicht für den Textumfluss nutzen. Bei der Gelegenheit bin ich aber darauf aufmerksam geworden, welche umfassenden Möglichkeiten Scribus im Umgang mit Pfaden bereithält.

Das integrierte Farbmanagement hat sehr zuverlässig gearbeitet und die allgegenwärtige Präzision auch in diesem Bezug sauber bis ins PDF transportiert. Die PDF zeigte keine Auffälligkeiten und alle RGB-Elemente wurden sauber nach CMYK überführt. Ganz großes Kino – ohne nennenswerte Einstellungsorgien durch den Bediener! Durch die Abwesenheit von echten Transparenzen und der damit einhergehenden reduzierten Gesamtkomplexität muss man das allerdings auch voraussetzen.

Ich habe die Scribus-PDF anschließend in Acrobat via Preflight in ein PDF/X-1a überführt. Dabei zeigte der Preflight „Glyphen“-Probleme an. Offenbar liegt das ein einer prähistorischen Schrift in meinem Layout. Da Scribus die Konvertierung der Fonts in Pfade anbietet, war auch das lösbar:

Testflyer Scribus Seite 1
Testflyer Scribus Außenseiten

Im gedruckten Flyer hat die RGB-CMYK-Konvertierung – als einzigem Programm – zu einer perfekten Übereinstimmung des 12%-RGB Wertes mit dem 12%-K Wertes des Hintergrundes geführt. Da kann man schon mal staunen!

PDF Flyer Scribus S.2
Testflyer Scribus Innenseiten

Genervt hat mich:

  • Die sehr steile Lernkurve, die Scribus dem Anwender abverlangt. Auch, wenn sich der Aufwand lohnt.
  • Dass ich keine direkten Kontrolldrucke auf meinem Tintenstrahler erzeugen konnte.
  • Die sehr lückenhafte und teilweise stark veraltete Dokumentation. Auch, wenn ich online auf alle meine Fragen Antworten gefunden habe – meist in englischer Sprache.
  • Scribus kann das Überdruck-Verhalten einzelner Objekte nicht steuern. Es können nur Sonderfarben definiert werden, die dann die Eigenschaft des Überdruckens angehängt bekommen.

Fazit:

Wenn ich Print ohne Budget produzieren müsste, würde sich jede Sekunde des Lernens an und mit Scribus bezahlt machen. Die Hürden sind hoch, doch die Ergebnisse überzeugen auf ganzer Linie:

Scribus unter Normlicht
Gedruckter Scribus-Flyer unter Normlicht

Overall:

Interface:

+

anders, funktional kompakt, raumgreifend
Performance:

++

meist sehr flott – immer mal wieder Gedenksekunden
Tools:

++

vielfältig, interessante Sonderfeatures – aber nicht hübsch anzuschauen
Inkjet-Ausdruck:

ist mir nicht gelungen
PDF-Export:

+

qualitativ gut, aber mit leichten Fehlern behaftet
Gesamtwertung:

+++

Preis-Leistung ist unschlagbar

Herstellerinfos

http://www.scribus.net/

Preis

0,– EUR

Aber: ein gerüttelt Maß technisches Verständnis und Zeit sind zu investieren!

… und weiter zum alten Recken Quark XPress!