Der heilige Gral von Apple

Heute ist etwas geschehen, das man problemlos mit den üblichen Superlativen versehen kann, die in solchen Fällen ausgepackt werden: „hell froze over“, „Wiederauferstehung“ – nichts davon ist zu groß. Und es geht dabei nicht um die Tatsache, dass Apple erstmals in seiner Firmengeschichte zugäbe, einen Fehler gemacht zu haben (gab es schon). Nein, das Außerordentliche ist, dass sie, noch während der Fehler aktiv ist (sprich: MacPro 2013 als Gerät aktiv in Auslieferung), offiziell darüber reden, dass ein markendefinierendes Produkt so fehlerhaft ist, dass sie es notgedrungen einerseits vollständig überarbeiten müssen und andererseits nicht in der Lage sind, das zeitnah abzuliefern – also um Geduld bitten. Chapeau!

Mich beschleicht das Gefühl, dass der Urnen-MacPro Apple-intern eine Art „heiligen Gral“ darstellt: Der letzte Ausfluss des kongenialen Duos Steve Jobs und Jony Ive. Umso schwerer scheint man sich damit getan zu haben, anzuerkennen, dass dieses Gerät zu 95% an den Anforderungen der Zielgruppe vorbeigeht.

Was ist eigentlich passiert?

Offenbar ist der Druck auf Apple, sich zur Zukunft der Mac-Hardware in Bezug auf tatsächlich professionelle Nutzer (Entwicklung, Video, Grafik …) zu äußern, so groß geworden, dass sie tatsächlich aufgestanden sind, nachgedacht haben und zum Schluss kamen, dass sie mit dem Tonnenmac die Zielgruppe nicht sinnvoll bedienen können. Soweit, so gewöhnlich.

Ungewöhnlich ist, dass sie sich nicht nur entschieden haben, die Tonne in die Tonne zu kicken – sondern dass sie das auch noch gegenüber offiziellen Pressevertretern aus dem IT-Umfeld tun. Da sagen wir mal kurz: WOW. Denn Apple hat, außer vor der Präsentation des Tonnenmacs 2013, never ever konkret über ein kommendes Produkt gesprochen – und schon gar nicht in dieser Ausführlichkeit und Offenheit.

Was hat Apple genau gesagt?

Apple tut es leid, ein Gerät derartig lange an den Bedürfnissen einer wichtigen Zielgruppe vorbei in den Markt gepresst zu haben. Schuldbewusstsein dürfte in diesem Zusammenhang eine direkte Korrelation zu Umsatzzahlen haben, aber das ignorieren wir bei 25 Milliarden Dollar Jahresumsatz mit Rechner-Hardware mal großzügig. Die Desktop-Macs machen dabei immerhin 20% des Gesamtbildes aus. Die Kenner der Branche rechneten mit zum Teil deutlich weniger. Dem MacPro kommt dabei ein Anteil am Gesamt-Rechnerkuchen im einstelligen Prozentbereich zu. Man munkelt, eher am untersten Ende.

Phil Schiller sagte den Pressevertretern im Meeting, dass Apple die Anforderungen der User falsch eingeschätzt habe und dass die Architektur des Urnenmacs effektive Aufrüstungen – seitens Apple und seitens des Benutzers – nicht zuließe. Daher habe man sich entschieden, den MacPro abermals komplett neu zu entwickeln und wieder stärkeren Fokus auf Erweiterbarkeit und schnellere Produktzyklen bei CPU und GPU zu legen. Der Haken: lange kann das noch nicht her sein. Denn frühestens 2018 werden neue MacPros am Markt ankommen.

Schön: Apple sagte konkret, dass sie passend dazu auch an neuen Displays arbeiten. Da sie, was iPad Pro und iMac 5K angeht damit ein sehr gutes Händchen bewiesen haben – und man am LG-Debakel sehen konnte, wie komplex dieses Thema offenbar mittlerweile geworden ist – freue ich mich auf neue Displays von Apple.

Und bis 2018?

Im Laufe des Jahres 2017 soll es neue iMacs geben. Das ist mehr als zu erwarten – die sind nämlich mittlerweile ebenfalls längst überfällig. Interessant ist, dass Apple sagt, dass der „Pro“-Nutzerkreis der iMacs mittlerweile recht groß und über viele Branchen diversifiziert sei. Das könnte dazu führen, dass man einen iMac sehen wird, der, falls es gut läuft, mit einem Xeon und einer gescheiten Grafikkarte um die Ecke kommt – und wo das alles nicht für alle Ewigkeiten eingelötet ist.

Einer der Pressevertreter fragte geistesgegenwärtig auch, was mit dem Mac mini passieren würde. Auch hier gab es die Aussage, dass man um die Nutzerkreis-Überschneidung Consumer/Pro wisse und das Gerät keineswegs aufgeben wolle. Immerhin.

Im Laufe der Woche sollen die Bestands-MacPros jeweils eine Austattungsstufe nach oben geschoben werden. Oder andersrum: die Konfigurationen sollen eine Preisstufe nach unten rutschen; wobei der Einstiegs-MacPro mit vier Kernen aus dem Programm fiele. Das kann man sich bis 2018 schönsaufen; zumindest, wenn man irgendwo einen guten Deal bekommt und Prozessorkerne etwas sind, wovon man profitiert. CreativeCloud-Benutzer sind das in den meisten Fällen nicht – denn Adobe-Programme sind legendär schlechte Parallelisierer.

Quellen:

Daring Fireball (John Gruber)

Techcrunch

MacRumors

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