DTP 2018 – State of the Union

Wo stehen wir?

Als ich 1994 anfing, meinen Lebensunterhalt mit der Erzeugung von Print-Produkten zu verdienen, war der eigentliche Druckvorstufenablauf noch recht simpel. Hauptproblem war die Technik; denn es gab wenig, was unter gewerblichen Bedingungen funktionierte. Je einfacher ein Produkt geplant wurde, desto größer war die Chance, den Vorteil der nunmehr digitalen Produktion auszuspielen; wesentlich effektiver, schneller und mit viel weniger Abfall zu einem Druckprodukt zu kommen. Dann schlug die Digitalisierung mit voller Wucht durch die Branche hindurch.

Wobei sich das Anforderungsprofil an den Umsetzer eines Produktes nicht wesentlich geändert hat:

Jemand tritt mit einer Idee an den Umsetzer heran und will, dass, dem Auge (und der Technik) gefällig möglichst flott ein Produkt entwickelt wird. Heute ist das weniger ein statisches Printprodukt mit festem Seitenverhältnis und -umfang; sondern das Produkt muss responsiv auf allen erdenklichen Geräten genutzt werden können, Video und Ton enthalten – und am besten noch seinen eigenen Erfolg messen. Man möchte schließlich wissen, ob sich der monetäre Einsatz gelohnt hat.

Darin steckt eine ganze Reihe von prinzipiellen Veränderungen:

Wandel 1: Wo früher vorgelagert ein ganzes Rudel von Personen damit beschäftigt war, möglichst viele Informationen für den Umsetzer in sinnvoller Weise aufzubereiten, damit der unter klaren Rahmenbedingungen ein Produkt erzeugen kann, ist heute schlichtweg niemand mehr. Informationen werden vom Absender/Auftraggeber oftmals ungefiltert in die Person gekippt, die eigentlich „nur“ umsetzen soll. So kumuliert auf Seiten des Umsetzers eine Vermischung von Aufgaben, die nur wenige Menschen bei hoher Lieferqualität leisten können. Eigentlich ist es eine Binsenweisheit: Informationsaufbereitung und Informationsumsetzung sind zweierlei Schuhe.

Wandel 2: Moderne Software versucht zu übertünchen („den Anwender unterstützen“), wie komplex die technischen Abläufe bei der Produktion tatsächlich weiterhin sind. Die einzige relevante Vereinfachung auf Produktionsseite – bezogen auf Printprodukte – hat sich aus dem Wegfall der Filmbelichtung ergeben. Das war es aber auch schon. Ganz zu schweigen davon, dass die Erzeugung einer Website komplett abweichende Anforderungen an den Umsetzer richtet und die produktiven Prozesse dahinter auf keiner Ebene Parallelen mit der Druckproduktion haben. Wer Print gut kann, muss noch lange kein begabter Onliner sein. Ausgebildet werden aber „Mediengestalter“; im Rahmen der Ausbildung mit unterschiedlicher Ausrichtung; doch die Auftraggeber sehen meist nur „Endprodukte“.

Wandel 3: Auch in der Nachbereitung blieb kein Stein auf dem anderen. 1994 wurde das Endprodukt zunächst von allen an der Produktion Beteiligten auf korrekte Umsetzung geprüft bevor es ausgeliefert wurde. Heute liefert die Online-Druckerei direkt an den Endkunden. Was, weiß man nicht so genau. Und der Onliner arbeitet ohnehin unter ständiger visueller Aufsicht seiner Auftraggeber.

Steigen wir etwas tiefer ein.

Das Wissen.

Als „Mediengestalter“ wird man sich, bewusst oder unbewusst, eines Tages entscheiden (müssen), welchen von zwei Wegen man einschlagen wird: Spezialist oder Generalist. Wie die Entscheidung zustande kommt bzw. ausfällt, wird auch stark vom Umfeld abhängen, in dem man sich bewegt.

Der Spezialist wird, nach einigen Jahren, bemüht sein, innerhalb seines Gebietes möglichst im Detail zu verstehen, wie die Produktion funktioniert. Auf diese Weise kann er frühzeitig erkennen, wo Probleme entstehen können. Anstehende Veränderungen im Prozess können in ihren Auswirkungen erkannt und bewertet werden. Der Generalist hingegen wird versuchen, eine relativ große Bandbreite von Aufgaben effektiv bewältigen zu können. Dabei liegt die Kunst darin, sich zu entscheiden, an welchem Punkt ausgestiegen wird. Einerseits, was das eigene Wissen angeht – und andererseits, wann ein zu lieferndes Produkt gut genug ist, um zur Zufriedenheit aller als produktionsreif erklärt zu werden.

Vermutlich ist es im Jahr 2018 nicht mehr möglich, auf allen Gebieten, die der Mediengestaltung zugerechnet werden, beide Welten in einer Person zu vereinigen. Dafür sind die Bereiche Produktion, Gestaltung, die Werbekanäle und ihre technischen Anforderungen zu sehr ausdifferenziert. Es wäre schlichtweg zu zeitaufwändig, sich in großer Detailtiefe so einzuarbeiten, sodass Produktionssicherheit in der finalen Umsetzung geliefert werden kann.

Ein besonderes Feld im Bereich des Wissens markiert das Thema Farbmanagement. Denn hier ist, seit sich die Mediengestaltung als eigenständiger Bereich entwickelte, sehr viel passiert. Und hier gibt es meiner Erfahrung nach auch die größte Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit in der Druckbranche:

Das Farbmanagement

Es wurde in den 1990er Jahren plötzlich wichtig, wie Farbe vom Rechner aufs Papier kommt. Ausgelöst wurde diese Veränderung dadurch, dass die digitalisierten Systeme in der Druckvorstufe, einschließlich der Bearbeitungsrechner, begannen auch „Farbe“ zu können. In den ersten Jahren des Desktop Publishing spielte Farbe noch keine Rolle.

Heute besteht eines der Hauptprobleme darin, dass die technischen Abläufe, vom Produktionsende her kommend, in Richtung des Datenerzeugers, seit der Jahrtausendwende nicht mehr optimiert und „menschlicher“ gemacht wurden. Hier beißt sich die Katze leider in den Schwanz. Denn technisch ist die Systematik

Ausgangsfarbraum >> LAB >> Zielfarbraum

ausreichend definiert. Für die meisten Anwender sind die steuernden Abläufe in den Programmen aber derartig abwegig und unverständlich, dass sie sich nicht damit auseinandersetzen möchten. Nur Spezialisten auf diesem Gebiet sind in der Lage, korrekt mit dem Farbmanagement am Rechner mit dem Ziel der Optimierung der Ausgabe für bestimmte Kanäle korrekt umzugehen.

Gab es vor der Jahrtausendwende primär qualitativ gute Bedruckstoffe, die sich recht gleichförmig verhielten, ist diese Rohstoffqualität heute nicht mehr bezahlbar; also nicht mehr existent. Was dazu führt, dass Bedruckstoffe technisch immer minderwertiger werden – gleichzeitig aber auf „Optik“ getrimmt wurden. Daraus ergeben sich einige Herausforderungen, die über ein gut funktionierendes und professionell genutztes Farbmanagement hinreichend gut eingefangen werden können.

Der Aufbau des dazu notwendigen Wissens wird aber von den Produktionsbeteiligten meist als überflüssiger Aufwand eingeschätzt, somit nicht vergütet – und damit die Lösung des Problems in Richtung des Endproduzenten geschoben. Je nachdem wie der dann mit den angelieferten Daten umgeht, kann die Qualität schwanken. Am Ende sind befriedigende Ergebnisse eher ein glücklicher Zufall. Bei, gegenüber dem technischen Machbaren, massiv reduzierten Qualitäten.

Mit der Neuauflage des MedienStandardDruck in diesem Jahr zeigt sich auch, dass die Druckverbände immer stärker versuchen, die Produktqualitäten besser vorhersagbar zu bekommen. Leider führt das aus Sicht des Anwenders zu einer weiteren Verkomplizierung der Sitution. Denn die Software zur Bearbeitung zieht nicht nach – bislang konnte sich keine Anbieter, allem voran Adobe – nicht dazu durchringen, hier auf die Anwender im Sinne einer besseren Ausgabequalität zuzugehen und die Abläufe zur sicheren Nutzung von Farbmanagement zu vereinfachen.

Was uns zum nächsten Punkt führt:

Die Software

Nach nunmehr 30 Jahren Desktop Publishing muss man konstatieren, dass es die Softwareanbieter geschafft haben, den umsetzenden Anwender vollständig in eine beispiellose Abhängigkeit zu führen, bei der das Arbeitsmittel unter den Händen des Anwenders vollkommen virtuell geworden ist.

Während ein Automechaniker im Laufe seines Berufslebens wortwörtlich tonnenweise Arbeitsmittel anhäufen kann, die ihn in die Lage versetzen, auch nach 50 Jahren noch Autos zu reparieren, kann der Publisher von Glück reden, wenn er einen Monat nach der letzten erfolgreichen Abbuchung von seinem Konto noch die im Kundenauftrag angelegten Daten öffnen darf, um eine Druck-PDF erzeugen zu können.

Im Bereich des Publishings kommt man nicht mehr daran vorbei, aktuelle Software auf Basis eines vermeintlich kostenfreien Betriebssystems einsetzen zu müssen. Daraus ergibt sich die erste unsteuerbare Komponente aus Sicht des Anwenders: Da er nicht mehr wirklich entscheiden kann, auf welcher technischen Basis sein Rechner arbeitet, muss er wohl oder übel darauf achten, stets halbwegs aktuelle Betriebssysteme einzusetzen. Die wiederum mit aktueller Hardware verdongelt ist. Spätestens nach fünf Jahren muss dann ein neuer Rechner her.

Auf der nächsten Ebene muss dann aktuelle Anwendungssoftware eingesetzt werden. Da man als Mediengestalter zwischen klassischen Konzernwelten auf der einen und monopolistischen Ausgabesystemen andererseits sitzt, muss man monatliche Zahlungen in Richtung Microsoft für das Office-Paket und in Richtung Adobe für die Erzeugungssoftware Creative Cloud leisten. Tut man das nicht, endet von einem Moment auf den anderen die Einsetzbarkeit der Software – alle erzeugten Datensätze liegen unbrauchbar auf der Festplatte und können erst wieder aktiviert werden, wenn abermals Geld in Richtung der Abonnementsanbieter geschoben wurde. Alternative Angebote, die es hier beispielweise von Quark mit XPress und von Affinity mit dem kommenden Publisher gibt, spielen in der Kreativbranche keine Rolle. Alternative Officepakete sind im Austausch mit Konzernen auch keine gangbare Alternative; stets führt man Diskussionen, ob alle Beteiligten die gleichen Inhalte sehen und bearbeiten. Da man als Datenerzeuger stets zwischen verschiedenen Polen agieren muss, geben diese Pole auch vor, welche Datenformate zu liefern sind. Wer diese Pole nicht bedienen muss, sollte sich tunlichst abseits des Abonnementsterrorismus bewegen.

Perspektivisch muss man sich klarmachen, dass kommerzielle Anwendungen zur Erzeugung von Printprodukten ihren Zenith überschritten haben. Adobe fummelt nur noch lieblos an InDesign herum, um die monatlichen Ausgaben der Kunden fadenscheinig rechtfertigen zu können. Große, wichtige Themen – wie eben ein Modernisierung des Farbmanagements – werden seit vielen Jahren nicht mehr in Angriff genommen. Quark hingegen flüchtet sich in Mobile- und Web-Ausgabekanäle, damit sie ebenfalls nicht wirklich am Farbmanagement arbeiten oder die PDF-Ausgabe stabilisieren müssen. Echte Innovationen hat man in beiden Paketen aus Sicht des Print-Mediengestalters schon lange nicht mehr gesehen. So akquiriert man leider auch keinen interessierten Nachwuchs. Womit sich die Gesamtsituation weiter verschärft.

Der Rechner (und vielleicht auch der Drucker)

Wie ich es unter „Software“ bereits anklingen ließ, holt man sich heutzutage mit der Grundanfrage „welchen Rechner will ich eigentlich nutzen“ bereits die ersten hässlichen Probleme an den Hals.

Nennenswerte Vorteile sehe ich heute weder bei einer Empfehlung für den Mac noch für den Windows-PC. Was die Arbeit im graphischen Umfeld angeht, kann man in beiden Welten gut vorwärtskommen und sich primär danach entscheiden, welches System einem besser liegt.

Muss man sich stärker an Konzernwelten anlehnen, weil man beispielsweise auch PowerPoint-Publishing leisten muss, sollte man zum Windowsrechner greifen. Auch wenn es nirgendwo sauber kommuniziert wird: die Windows-Varianten der Office-Programme haben nach wie vor einen anderen Funktionsumfang als die Mac-Versionen. Und sie sind effektiver nutzbar.

Hauptprobleme ergeben sich noch immer daraus, dass Schriften nicht so übergreifend einsetzbar sind, wie man das bräuchte. Man kann sich zwar mit Tools behelfen – aber verlässlich ist das im Ergebnis nicht.

Farbmanagement lässt sich meines Erachtens auf dem Mac besser verwenden und prüfen – was damit zu tun hat, dass Windows dieses Thema vom Anwender fernhält und so gut wie keine steuernden Eingriffe zulässt. Für den Alltagsgebrauch – siehe Typus Spezialist / Generalist – spricht aber nichts gegen Windows.

Man muss immer darauf gefasst sein, dass ein Anwendungs- oder Systemupdate einen tageweise aus dem Geschäft schießen kann. Da die kritische Masse unter Windows beträchtlich größer ist, werden dort Probleme schneller gelöst. Bzw. die Menge der Personen, die mit Tipps unter die Arme greifen können, ist größer. Allerdings sind die Mac-Anwender versierter und liefern die besseren Hinweise.

Arbeitet man mit Fileservern, hat man heute auf dem Mac schnell große Probleme. Arbeitsgruppen sollten zumindest erwägen, Server und Clients auf Microsoft-Basis einzusetzen. Apple hat kein besonderes Interesse mehr daran, solche Zugriffsarchitekturen aktiv zu unterstützen. Daraus ergeben sich schnell sehr große Schmerzen, wenn viele User auf den gleichen Datenpool zugreifen.

Am Ende des Tages muss einem immer klar sein: Apple oder Microsoft heißt, dass man sich an den Hersteller bindet und später kaum noch aus diesem Umfeld ausbrechen kann. Man trifft eine Entscheidung für seine künftigen Geschäftsprozesse, die nahezu unumkehrbar ist.

Drucker – also solche für das Büro – sind mittlerweile ein ziemliches Problem. Da kaum noch jemand darüber nachdenkt, wie das Druckbild aufs Papier kommt – und Anwender diese Geräte auch nicht mehr bezahlen wollen – gibt es kaum noch brauchbare Drucker. Soll der Drucker für die halbwegs verlässlich vorhersagbare Ausgabe von Druckdaten genutzt werden, sollte auf jeden Fall ein RIP im Gerät stecken, der wirklich Postscript oder PDF versteht. Bei Oki kann man sowas beispielsweise noch für erträgliches Geld kaufen. Für die verbindliche Ausgabe von Bildern muss man direkt sehr tief in die Tasche greifen. Da wird man lange besser klarkommen, indem man Proofs bei Spezialisten einkauft. Desktop-Tintenstrahler sind im Produktionsumfeld mit dem Begriff „Alptraum“ noch beschönigend beschrieben.

Wo wollen wir hin?

Würde ich im Jahr 2018 in das Publishing von Druckprodukten einsteigen, weil ich das Handwerk reizvoll finde, würde ich mir einen schlüssigen Intel-PC bauen oder kaufen, darauf eine konservative Linux-Distribution installieren und schauen, dass ich durch den aktiven Umgang mit Farbmanagement und OpenSource-Software zu handwerklich schönen Produkten komme. Ganz ohne Upgradezwänge.

Ansonsten bleibt einem keine Wahl: Monatliche Kosten von rund 50€ pro Platz für Office / CC einplanen, einen aktuellen Rechner kaufen – im Falle des Macs vorzugsweise KEINEN gebrauchten, weil sonst der Systemsupport vorzeitig endet – und anfangen zu arbeiten. Und sparen Sie nicht an der Internetanbindung. Sie müssen einerseits ständig gigantische Updatepakete beziehen und installieren – und andererseits stellen die Programme mitunter im laufenden Betrieb die Funktion ein, wenn sie nicht nach Hause telefonieren können.

Wer lernen möchte, wie „Druck“ funktioniert, sollte einige Wochen in einer größeren Druckerei verbringen. Denn nur, wenn man ein tieferes Verständnis für das Ausschießen, Materialien, den eigentlichen Druck und die Weiterverarbeitung aufgebaut hat, wird man hochwertige Druckerzeugnisse konzipieren und umsetzen können.

Wenn es für Print gut läuft, springen die Hipster irgendwann wieder auf den Zug auf. Erste Anklänge davon zeichnen sich ab. Und dann gibt es vielleicht auch mal wieder echte Innovationen für den Reinzeichner/Mediengestalter.