(m)ein Plädoyer für dumme Webseiten

Üblicherweise schreibe ich über Themen, die im weitesten Sinne mit „Print“ zu tun haben. Doch seit vielen, vielen Jahren baue ich auch Webseiten. Genauer gesagt: etwa 1994 habe ich damit angefangen. In jenem Jahr war es noch sehr schwierig, einen bezahlbaren Internetzugang zu bekommen – geschweige denn „eigenen“ Webspace zu ergattern, auf den man ein bisschen HTML schieben konnte.

Zur Steigerung des allgemeinen Web-Erlebnisses aller seiner Kunden hatte mein Zugangsprovider später eine Übersichtsseite angelegt, die auf alle Websites seiner Kunden verlinkte. Mein „Auftritt“ gehörte zu den ersten zehn, die auf dieser Liste erschienen.

Seither sah ich viele Hypes, Browser und Technologien kommen und gehen. Aber eins hat sich nie geändert: HTML als Basis des sichtbaren Internets.

Im Fortgang habe ich viel Müll durchs Netz wandern sehen (und selbst verbrochen); Tabellenlayouts, Flash-Intros, PHP-Spielereien, unendliche Frameworks. Aus heutiger Sicht kann ich resümieren, dass in den meisten Fällen eine Einfachst-Website auf Basis von HTML (und CSS) bis heute die sinnvollste Lösung für die meisten Aufgabenstellungen ist.

Der Grund dafür ist einfach: die Standards, die das W3C rund um HTML setzt, werden von allen „Lesegeräten“ früher oder später korrekt umgesetzt. Und das dann sehr dauerhaft. Alle Dinge, die HTML um weitere Fähigkeiten „ertüchtigen“ sollen, stellen früher oder später Angriffsflächen dar, erhöhen Latenzen, Ladezeiten und den Sicherungsaufwand. Sie sorgen dafür, dass es ein ganzes Team von Spezialisten zur Pflege eines Internetauftritts braucht.

Die kurze Liste der Dinge, die für eine dumme, datenbanklose Einfachst-Website sprechen (ohne besondere Gewichtung – die Ziffern sollen es nur erleichtern, die Punkte zu kommentieren):

  1. Ladezeiten und Latenz
  2. Contentwirksamkeit aus Suchmaschinensicht
  3. Resilienz gegen Angriffe auf Datenbanken und ihre Steuerungsmechanismen
  4. Resilienz gegen Angriffe durch und auf Skriptsprachen
  5. Unabhängigkeit von externen Quellen und Anbietern
  6. Optimaler Datenschutz aus Besucherperspektive
  7. Pflege von Technik und Inhalt durch Einzelpersonen möglich
  8. Unterbinden von unerwünschtem Tracking

Dass das nicht in jeder Konstellation ein gangbarer Weg ist, versteht sich von selbst. Aber viel zu viele Websites bauen auf Monstertools wie WordPress auf, benutzen – aus mehr oder weniger geistvollen Gründen – Angebote von Facebook und Google um irgendwelche trivialen Effekte zu erzielen. Das ist weder mit den Privacy-Rechten Ihrer Seitenbesucher, noch mit der DSGVO vereinbar. Und es führt im Endergebnis dazu, dass mit dem Durchschwappen der nächsten Hypewelle die einstmals innovativen Features nur dazu führen, dass der Auftritt den Besuchern der Zukunft nicht mehr angezeigt wird.

Less is more.

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