Ich hab’ doch nix zu verbergen!

Das Jahr 2017 ist ein ganz besonderes Jahr, was den Schutz – oder besser: die Erosion des Schutzes – Ihrer persönlichen Daten betrifft.

Da es langsam etwas schwierig wird, überhaupt noch etwas Positives in den ganzen Entwicklungen zu sehen, will ich mich darauf beschränken, wo wir Ende 2017 stehen. Denn es muss wohl mal plastisch aufgezeigt werden, was aktuell geht – bzw. wo unsere derzeit ungewählte Bundesregierung zeitnah hinkommen will.

Sie fahren ein halbwegs aktuelles Auto, mit dem Sie zur Arbeit pendeln. Oder bewegen sich wahlweise in und mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Zur Zerstreuung, Navigation, Unterhaltung, Information benutzen Sie unterwegs ein Smartphone. Ihr Zuhause füllt sich langsam mit Selbstverständlichkeiten wie WLAN-Routern, einem leidlich aktuellen Fernseher mit Internetanbindung nebst fernbedienbaren Leuchten und Heizungsreglern. Arbeiten tun Sie hier (Zuhause) wie dort (Büro) mit einem Laptop, an dem selten ein Kabel hängt.

Die Frage, die ich mir stelle, ist: Wie bewusst sind Sie sich, was durch die Nutzung dieser Gerätschaften alles über Sie erfassbar und messbar ist?

Fassen wir zusammen, wer alles über Sie weiß

Als Telekom-Kunde kann die Telekom ihren gesamten privaten Datenverkehr aufzeichnen und, je nachdem wie datenschutzbewusst Sie sich verhalten, bei der Durchleitung durch das Telekom-Netz, direkt offen mitlesen oder die Entschlüsselung knacken und dann mitlesen. [ Die Telekom steht hier stellvertretend auch für andere gut organisierte Kommunikationsanbieter. ]

Der WLAN-Router, den Sie benutzen, ermöglicht es Personen in Empfangsreichweite ebenfalls Ihren WLAN-Datenverkehr mitzuschreiben und ggfs. mitzulesen. Ist der Router ebenfalls von der Telekom? Sehr praktisch; dankeschön!

Da die Telekom Sie kürzlich gezwungen hat, Ihren Telefonanschluss auf VOIP umzustellen, laufen auch Ihre Telefonate Zuhause ebenfalls digitalisiert über diese Datenleitungen. Sehr praktisch; dankeschön!

Über die Kennung Ihres Internetanschlusses sind sie für jeglichen Diensteanbieter im Internet regional gut zu verorten. Für den privaten Kabelsender in Ihrem Fernseher, für die Heizungssteuerung, für das Gateway der schicken LED-Leuchten. Sie haben über längere Zeiträume eine extern erreichbare Kennung, über die man auf Ihre interne Vernetzung zugreifen kann – falls Sie das so eingerichtet haben. Oder es eine Sicherheitslücke bekannter oder unbekannter Art auf Ihrem Router gibt. Wenn Sie gerade offenkundig Zuhause Daten konsumieren, beispielsweise über den Besuch von BILD Online, weiß nicht nur die Telekom und BILD das. Sondern auch:

  1. AppNexus
  2. Contact Impact
  3. Criteo
  4. DoubleClick Bid Manager
  5. emetriq
  6. Facebook Connect
  7. Google Adwords Conversion
  8. Google Dynamic Remarketing
  9. INFOnline
  10. Media Innovation Group
  11. Integral Ad Science
  12. Outbrain
  13. Outbrain Amplify
  14. Outbrain Logger
  15. SMART AdServer
  16. Tealium
  17. Visual Revenue
  18. Webtrekk Control Cookie
  19. Webtrekk
  20. xplosion

Gerne können Sie sich mal den Spaß machen, nachzulesen, was jeder einzelne dieser Anbieter wohl mit ihrem Seitenbesuch auf bild.de so treibt.

Wohlgemerkt: All diese Unternehmen und Anbieter schreiben mit, woher Sie kommen, was Sie lesen und wie lange Sie das tun. Einige davon zeichnen Ihren Seitenbesuch in einer Form auf, dass Dritte Ihren Seitenbesuch bei bild.de komplett „nachspielen“ können – wie bei einer Filmvorführung. Wieder und wieder. Denn Ihr Mauszeiger folgt unwillkürlich Ihren Augen. Wussten Sie nicht? Steht doch irgendwo in den AGB. Haben Sie abgenickt. Irgendwo, irgendwann.

Gleichzeitig erfahren Google und Facebook ebenfalls, dass Sie da waren und was Sie angeschaut haben. Die entsprechenden direkten Einträge 4, 6–8 haben Sie sicher zur Kenntnis genommen. Und da Google und Facebook auch wissen, wen Sie kennen und mit wem Sie enger und loser in Kontakt sind, können sie interessante Schlüsse daraus ziehen, in welcher Gesellschaftsschicht, mit welchem Bildungsniveau und besonderen … ähm … Interessen Sie sich so in der Welt bewegen. A propos Bewegen:

Da Sie ein Smartphone benutzen – auf dem sicherlich auch die Facebook-App installiert ist – kann Facebook nun schauen, ob die erfassten Infos über ihren Besuch bei bild.de damit zusammenpassen, wo sich Ihr Telefons befindet. Denn Facebook darf auf Ihrem Handy auf GPS und die Kontaktliste zugreifen, richtig? Praktischerweise kennt Facebook ja auch die 40, 50 Personen, die gerade in Ihrer WLAN- und Bluetooth-Reichweite unterwegs sind. Von den zehn WLANs, die Ihr Laptop „sieht“ ausgehend, arbeiten Sie wohl im dritten Stock dieses Bürogebäudes da. Kennen Sie Herrn Müller eigentlich gut? Ihre Geräte versuchen ständig, per Bluetooth Kontakt aufzunehmen. Von der Signalstärke her sollte eigentlich keine Wand zwischen Ihnen sein … wir pushen diese Information mal an Microsoft, damit LinkedIn Ihnen anbieten kann, sich zu verknüpfen [wieder ’nen Dollar verdient, klasse!]

Google schneidet derweil still mit und sortiert seine Werbeangebote neu, damit auch die Amazon-Angebote auf der Facebook-Seite bei Ihrem nächsten Besuch besser passen. Bei Google sind Sie übrigens Profiltypus 3.548 – davon gibt es in Deutschland noch rund 400.000 andere Personen. Leider sind Sie nur mäßig lukrativ. Aber wir schauen mal weiter nach Ihnen. Vielleicht entwickeln Sie sich ja positiv: Der Klick war gut; ah, der jetzt nicht so. Aber wir zählen ja nur. Keine Wertung!

Hey; ich benutze gar kein Facebook!

Aber auch, wenn Sie Facebook nicht nutzen, WhatsApp (auch Facebook) oder Instagram (auch Facebook) nicht installiert haben – dann sind entweder Apple (iOS) oder Google (Android) auf Ihren Fersen. Über die ständige bidirektionale Kommunikation (Ihr Nutzen: „Benachrichtigungen“, Navigation, Messaging …) sind Sie ständig verortbar. Und das – dank Geräte-GPS, WLAN-Einbuchung, NFC, Bluetooth und LTE-Zelle/IP – auch so präzise, dass Sie sich erschrecken würden, wenn Sie wüssten, wie exakt. Und das über den ganzen Verlauf des Tages hinweg. Inklusive des Wissens, wer sich in Ihrer Nähe aufhält.

Natürlich wissen Sie, dass Ihr Smartphone ständig nach Verbindungsmöglichkeiten sucht. Diese Menschen, die in den anderen Autos im Stau stehen … Apple und Google wissen also, auf wessen Haubenhöhe Sie gerade herumrutschen. Mit 12 bis 14 km/h in nördlicher Richtung. Dass das Mikrofon nur funktioniert, wenn Sie es „einschalten“, gehört mittlerweile zu den wiederlegten Mythen. Was haben Sie gerade im Auto zu sich selbst oder ihrem Staunachbarn gesagt?

Keks?

Freundlicherweise liefern Sie aber selbst auch aktiv Daten. Damit werden die automatisiert erhobenen Informationen dankenswerterweise von Ihnen höchstpersönlich authentifiziert und aufgewertet. Jedesmal, wenn Sie eine Website oder einen Onlinedienst beliebiger Art nutzen, schiebt man Ihnen gerne einen Cookie rein. Mittlerweile muss man Ihnen das in der EU wenigstens mitteilen. Was da so drinsteckt – und wie lange Ihnen der Cookie ungefragt im Hals steckt – legen seine Bäcker fest. Im Falle der bereits zitierten bild.de-Seite läuft da einiges auf den Rechner, was auch ziemlich dauerhaft da bleibt:

Welche Informationen sich hinter den Einträgen verbergen, können Sie nur raten. Einiges ist selbsterklärend – das meiste nicht. Auch hier lebt das Spiel davon, was im zeitlichen Verlauf über Tage und Monate passiert. Und welche dieser Informationen mit welchen anderen Diensten und Anbietern geteilt werden.

„ Okay, Google! Barry White; Licht Damenbesuch; Heizung Vier!“

Sie haben das Mikrofon ihres Sprachassistenten aktiviert und damit einen kommerziellen Anbieter mit einem ganzen Strauß von eigenen Interessen in Ihre Wohnung gelassen. Zudem liefern Sie eine Reihe von interessanten Infos. Wenn wir noch davon ausgehen, dass Ihr Besuch auch ein Smartphone hat, wird es langsam interessant, oder?

Ich habe nix zu verbergen

Das mag sogar sein. Aber spätestens seit Snowdens Erläuterungen wissen wir, dass die NSA schon vor Jahren in der Lage war, sämtliche Informationen aus ALLEN bisher genannten Quellen zu aggregieren und darüber eigene Algorithmen laufen zu lassen, die ergründen sollen, was Sie wohl für einer sind.

Auf diesem Weg entsteht ein digitaler Klon Ihres kompletten Wesens. Inklusive Zahlungsinformationen und den Infos, die Ihr Arbeitgeber praktischerweise über die Google Cloud seinen Personal-Mitarbeitern bereitstellt. Ein Klon, der unter „objektiven“, rechnerischen Kriterien mit allen anderen Klonen abgeglichen werden kann. Und wenn Sie eine ungünstige Verknüpfung von Eigenschaften aufweisen (was „ungünstig“ ist, legen natürlich nicht Sie fest), bekommen Sie im ganz realen Leben Stress. In der weniger schlimmen Variante mit der Schufa-Auskunft beim nächsten Mobilfunkvertrag. Oder aber mit irgendwelchen uniformierten Personen, die sich erstmal durch Ihre Familienalben und Ihre Festplatte wühlen wollen.

Dann haben Sie zwar vielleicht nix zu verbergen. Aber einen Haufen Stress.

Und die Bundesregierung?

Lothar Schlapphut de Maizière möchte durchsetzen, dass er noch viel ungehinderter Gegenstände in Ihrer Umgebung zum Abhören benutzen darf. Schließlich gäbe es noch Überwachungslücken und die Anbieter dieser Hardware (Autos, Netzwerktechnik …) würden die Regierung und ihre Überwachungsapparate nicht hinreichend unterstützen.

In einer Demokratie mit verbrieften Menschen- und Privatheitsrechten.

„Alexa; 1984 von Orwell per Morning Express bestellen!“

Ab Juni 2018 können Sie ein bisschen zurückärgern

Ende Mai 2018 tritt die DSGVO in Kraft. Europa hat dafür gesorgt, dass Sie all den Datensammlern auf die Füße treten können. Denn die müssen auf Anfrage herausrücken, was sie an Daten über Sie gesammelt haben. Das rauszusuchen und zu liefern kann ganz schön anstrengend werden. Wenn Sie böse sind, können Sie auch das Löschen Ihrer Daten einfordern. Das wird erst ein Spaß in den Datenkellern von Amazon, Google, Apple, Samsung, LG, BMW, Philips, bei Versicherungen, Banken …

Seien Sie anstrengend. So anstrengend wir irgend möglich.

Update 1 – 21.12.2017

Falls Sie „1984“ noch nie – oder vor sehr langer Zeit – gelesen haben, tun Sie das bitte mal (wieder).

Ich habe das Buch Ende 1983 zum ersten Mal gelesen. Damals hatte ich schon etwa ein Jahr lang einen Commodore C64. Es störte mich zwar bei der Lektüre, dass die Überwachung bei Orwell nicht „elektronisch“ angelegt war – denn das war damals für mich bereits naheliegender als die „persönliche“ Überwachung, die vorrangig in „1984“ passiert. Dennoch steht das Gefühl, niemals „unbeaufsichtigt“ zu sein im Vordergrund. Und dieses Gefühl stellt sich auch ein, wenn man das Buch heute liest – was ich zu Beginn des Jahres getan hatte.

Sie werden innerhalb kürzester Zeit feststellen, dass die Informationen aus meinem Beitrag und die Dystopie, die Orwell nach dem zweiten Weltkrieg entworfen haben, beklemmende Parallelen zur heutigen Zeit haben. Unsere Zeit ist „bunter“ als das, was man aus „1984“ mitnimmt – aber, Donald Trump sei Dank, die plakativen faktennegierenden Gesellschaftsthesen haben wir heute. Und das bei sehr viel weitreichenderen Überwachungsmöglichkeiten, als Orwell sie in vorelektronischer Zeit jemals hätte ersinnen können.

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