Der Mac, der Font – und du

Es gibt ein Thema, bei dem sehr schnell deutlich wird, ob sich die Person vor dem Bildschirm tiefergehend mit dem Betriebssystem macOS beschäftigt hat oder nicht: Schriften.

Ich selbst bin ein eher schlechtes Beispiel. Aus dem einfachen Grund, dass ich bei der Einführung von MacOS X seit der ersten Public Beta dabei war; also sehr schnell lernen und verstehen musste, wie das mit Fonts unter diesem „neuen“ Betriebssystem läuft.

Über die Jahre hinweg muss ich damit leben, dass die meisten Menschen ihren Rechner einschalten, eine Aufgabe lösen und die Kiste wieder ausschalten wollen. Das ist durchaus legitim – ändert aber nichts daran, dass die Systeme immer komplexer werden. Es führt kein Weg daran vorbei, sich mit einigen Grundprinzipien von Mehrbenutzer-Betriebssystemen zu beschäftigen. Schon, damit man sich bei der Anlage von Ordnern so verhält, dass die Daten auch wiedergefunden werden. Da kann kein Administrator auf dem Planeten das Gehirn des Anwenders ersetzen. Ein bisschen spannend finde ich das schon: Autos darf man nur mit einem Führerschein bewegen. Computer sollen offenbar ohne solche Grundschulungen vollumfänglich bedienbar sein.

Da macOS auf einem UNIX-Derivat basiert, gibt es eine klare Trennung zwischen System und Anwender. Mac-Anwender tun sich schwer damit. Alte Hasen sind es gewohnt – mehr als bei anderen Systemen –, dass sie selbst quasi „das System“ sind und es in allen Aspekten steuern und einrichten können. Aus irgendeinem Grund glauben viele Anwender, dass das ein erstrebenswertes Ziel sei. Das ist es aber nicht – ein modernes Betriebssystem weiß vieles besser als der Anwender. Und es ist mehr als sinnvoll, den Anwendermenschen nicht an allen Schrauben drehen zu lassen.

Was die Schriften angeht, entzieht es sich den meisten Anwendern schon, dass sowohl das System als auch der Benutzer eigene Ordner für die zu verwendenden Fonts hat. Bezüglich dieser grundsätzlichen Thematiken empfehle ich dringend die Lektüre der, dankenswerterweise seit vielen Jahren konsequent von Extensis gepflegten, Informationsbroschüre zur Schriftverwaltung:

http://www.extensis.com/font-management/font-management-best-practices-guides/

Im Umgang mit Schriften gibt es verschiedene „Klassiker“, die immer wieder auftreten:

  1. Schriften lassen sich nicht aktivieren
  2. Es werden Fehler in den Schriften moniert
  3. Einzelne Schnitte fehlen oder werden als fehlerhaft moniert
  4. Es gibt Konflikte bei Schriften, die nicht nachvollziehbar sind
  5. Ein Programm – oder gar der ganze Rechner – stürzt bei bestimmten aktiven Schriften ab

Grundsätzlich Unklares

  1. Schriften sind ein komplexeres Stück Software als die meisten Anwender glauben.
  2. Schriften wurden, wie Betriebssysteme, immer komplexer.
  3. Alte Schriften sind nur mit alten Betriebssystemen kompatibel.
  4. Treten Probleme auf, muss man strukturiert vorgehen – Panik führt ins Chaos.

Was man tun kann

Das Leben ist deutlich leichter, wenn man etwas Geld in die Hand nimmt und eine Schriftverwaltungssoftware kauft. Und wann immer Apple beschließt, dass es eine neue Version des Betriebssystems gibt, sollte man seine Schriftverwaltung aktualisieren.

Man kann das natürlich auch bleiben lassen und die systemeigene „Schriftsammlung“ verwenden. Dann muss man sich aber mit der Ablagestruktur von macOS beschäftigen und selbst sehr strukturiert vorgehen. Denn die Schriftsammlung ist nicht besonders auskunftsfreudig und macht ganz gerne mal augenscheinlich … gar nichts. Dafür gibt es zwar Gründe; aber wer stochert schon gerne in der Konsole herum, wenn er eine Schrift aktiviert bekommen muss?

Ergo: nur Menschen, die sehr strukturiert und konzentriert mit ihrem Rechner arbeiten können, sollten die dauerhafte Benutzung der Schriftsammlung in Erwägung ziehen.

Gerade dann muss man wissen, dass macOS einen FontCache besitzt, in dem es dauerhaft Informationen über aktivierte Schriften hinterlegt. Wenn man sich krumm ärgert, weil irgendwas nicht funktioniert, empfiehlt sich ein Durchbooten des Rechners mit gedrückter Shift-Taste. Das führt in einen Safe Boot – bei dem unter anderem der FontCache geleert wird. Viele Probleme verschwinden dann schlagartig. Hier muss der Hinweis ergehen, dass die intensive Arbeit mit der Schriftsammlung zu einer besonders intensiven Füllung des FontCache führt. Je mehr Schriften aktiv sind, desto intensiver rödelt macOS im FontCache herum – bis der Rechner quälend langsam wird. Egal, ob es ein Mac Pro oder ein Mac mini ist.

Vermeiden Sie Duplikate!

Egal, ob Sie mit oder ohne eine nachgekaufte Schriftverwaltung arbeiten. Je qualitativ besser die Schriftverwaltung, desto besser kann sie mit Duplikaten umgehen. Bekanntestes Beispiel war mal Apples Entscheidung, eine „Helvetica“ zum Systemfont zu machen. Was hat das für eine Freude in DTP-Kreisen ausgelöst … Noch netter wurde die Situation dadurch, dass Apple per Betriebssystem sichergestellt hat, dass diese Schrift immer wieder im System aufgetaucht ist – auch, wenn der Anwender glaubte, sie entfernt zu haben. Man musste diese Zombie-Mechanik im Terminal abschalten, um glücklich zu werden. Sie sehen: man muss leider immer am Ball bleiben um alle Probleme in den Griff zu kriegen.

Das sind doch nur Vektoren. Oder?

Schriften sind in Wirklichkeit eher kleine Programme, die Zeichen auf den Bildschirm bringen. Das bringt mit sich, dass so ein „Programm“ von 1992 vielleicht nicht mehr so gut auf dem Sierra-iMac von 2017 läuft. Können Sie 25 Jahre alte Software auf Ihrem Mac starten? Probieren Sie es mal. Die Erwartungshaltung bei Schriften ist auf Seiten der Anwender aber anders. Apple dokumentiert so leidlich, welche Schriftarttypen man noch unterstützt und welche nicht. Eins ist sicher: Ihre Fonts von 1992 sind es nicht.

Ein kleiner Exkurs über das Macintosh-Dateisystem:

Früher sicherte der Mac seine Daten – pro Datei – in zwei getrennten Dateien: der Data- und der Resource-Fork. Bereits damals sahen Sie nur eine Datei wo in Wirklichkeit zwei waren. In den allermeisten Fällen funktionieren Dateien aus dieser Frühzeit auch heute noch auf dem Mac: Wenn der Nutzinhalt in der Data-Fork liegt. Jetzt raten Sie mal, wo die relevante Information bei Schriften angesiedelt war … genau; in der Resource-Fork. macOS hat irgendwann aufgehört, sich um die Resource-Fork zu kümmern. Ab diesem Zeitpunkt haben Sie gerne Schriften gesammelt und verschickt, die ziemlich genau 0 KB groß waren. Das kennen Sie vermutlich. Wurden die Schriften vor dem Versand gezippt, hat macOS sich an die Resource-Fork erinnert und die mit reingepackt; der Font überlebte die Reise.

Postscript? TrueType? OpenType? Unicode?

Ja, das ist alles verwirrend und kompliziert. Halten wir einfach fest:

Wir möchten vorzüglich plattformunabhängige OpenType-Fonts benutzen. Wir möchten uns möglichst nicht mehr um „Code-Tabellen“ kümmern. Je moderner die Technik eines Fonts, je umfangreicher seine Zeichenausstattung ist – desto lieber haben wir ihn. Benutzen Sie nichts mehr, was nicht in diesem Jahrtausend auf den Markt gebracht wurde. Bitte. Und überfliegen Sie mal das Booklet von Extensis. Sie werden viel lernen und besser verstehen.

Share

Eine Antwort auf „Der Mac, der Font – und du“

  1. Prinzipiell stimme ich Dir zu, aber es gibt auch Fälle, bei denen man nicht unbedingt auf die OTF-Version umsteigen möchte, weil man die Schrift nicht täglich braucht.

    Ich habe hier eine gekaufte Version der „Walbaum Book“ im PostScript-Format, die ich unter allen aktuellen Betriebssystemen verwenden kann, aber kaum benötige. Natürlich verwendet jedes OS und Programm seine eigenen Methoden zur Schriftdarstellung bzw. -ausgabe, aber es funktioniert eben, auch wenn man natürlich nicht in den Genuß der OpenType-Funktionen kommt.

    Für den Mac-Schwachsinn mit Data- und Resource-Fork gibt es ein funktionierendes Heilmittel, nämlich fondu (http://fondu.sourceforge.net/), mit dessen Hilfe sich Mac-Schriften per Kommandozeile ins TTF- oder OTF-Fomat umwandeln lassen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.