CorelDRAW!

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Dieser Artikel ist in der Print-Ausgabe des österreichischen 4C-Magazins erschienen

Der einfachste Weg, bei Personen, die in der Druckvorstufe arbeiten, ein sogenanntes „Zitronengesicht“ auszulösen, ist die Nennung von CorelDraw. Doch die Frage ist: Ist diese reflexartige Ablehnung eigentlich noch zeitgemäß?

Man muss wissen, dass die erste Marktversion von CorelDraw bereits im Jahr 1989 für Windows 3.0 erschien. Damals waren die Aufgaben und Werkzeuge der Druckvorstufe komplett anders beschaffen als es heute der Fall ist. Während Quark und Adobe heute auf der Suche nach Nischen sind und versuchen, sich auf diversen Nebenschauplätze zu profilieren, verfolgt Corel im Kern einen ziemlich stringenten Weg: Man möchte ein gut funktionierendes Tool für Gestalter, die großen Wert auf die Arbeit mit Vektoren legen, abliefern. Und das schafft Corel mit Draw in der aktuellen Version X7 ganz ausgezeichnet.

Einige Jahre lang versuchte Corel die Herzen der Apple-Gemeinde mit eigenen Macintosh-Versionen zu erobern; aber offenbar war die Gegenliebe nicht sehr groß und die Linie wurde eingestellt. Das ist heute, auch auf einem Mac, kein großes Hindernis: Denn CorelDraw läuft selbst in einer Virtualisierungsumgebung erstaunlich flott und mit einer qualitativ sehr guten Bildschirmausgabe.

Folgendes Anforderungsprofil kann man guten Gewissens an die Software stellen:

Äußerst ausgereifte Vektorsoftware mit umfangreichen Füll- und Pfadbearbeitungstools das mit einer zurückhaltenden, konfigurierbaren Benutzeroberfläche kommt, produktiv saubere, farbgemanagete PDFs erzeugt und eine Reihe von – qualitativ hinter der Kernanwendung leider zurückbleibenden – ergänzenden Tools mitliefert.

Aus diesen Punkten lässt sich herleiten, dass CorelDraw seine Stärken weniger im Mengensatz ausspielen kann. Aber es punktet ungewöhnlich stark bei der Grafikbearbeitung im Vektorformat und schreckt auch vor mehrseitigen Dokumenten nicht (mehr) zurück. Damit tritt es vorwiegend gegen Adobe Illustrator (und das leider von Adobe in einem zugemauerten Keller verschlossene Freehand) an. Gerade für Vektorgrafiker, die sich mit dem Bedienansatz von Illustrator schwertun und die auf der Suche nach einem zuverlässig in CMYK arbeitenden Vektortool sind, sollten sich CorelDraw anschauen.

Aber auch InDesign und XPress müssen sich warm anziehen, wenn die Seitenumfänge nicht gerade Buchausmaße annehmen. Draw bietet einen erfrischen „anderen“ Ansatz um lange Texte automatisch auf die Seiten zu verteilen: Mengentext wird in einer „lebendigen“ Textbox plaziert, die sich auf die folgenden Seiten des Dokumentes überträgt. Und immer gilt: es ist rasend schnell und visuell zuverlässig.

Die begleitenden Tools zur Vektorisierung und Bildbearbeitung sind eine nette Dreingabe; aber wer sich professionell mit komplexen Bilddaten beschäftigen muss, wird in PhotoPaint einen Faustkeil aus Plastik sehen; kein feinmechanisches Werkzeug.

Man erhält die komplette Corel X7 Suite für 630 Euro brutto. Upgrades ab der Version X4 kosten 320 Euro brutto. Man erwirbt eine klassische Lizenz zur freien Verwendung. Etwa alle zwei Jahre erscheint eine neue Version. Die Lieferung enthält auch eine Reihe von Schriften und Cliparts. Parallel dazu bietet nun auch Corel ein „Abonnement“-Modell an, das 20 bis 30 Euro im Monat kostet. Die gesamte Suite kann für 30 Tage kostenlos getestet werden – ein Angebot, das man – schon zur Auflösung oder Bestätigung eigener Vorurteile – annehmen sollte.

Hands-on

Beim ersten Start zeigt sich die Benutzeroberfläche von Corel Draw ziemlich aufgeräumt. Insbesondere wenn man nach einigen Stunden der Benutzung der Software weiß, welche Vielzahl von Möglichkeiten sich in den verschiedenen und platzsparend angeordneten Paletten verbergen.

Mengensatz ist noch eine „junge“ Funktion in CorelDraw – man spürt es bei der Dokumenteinrichtung, der Anlage von Rändern und Hilfslinien. Man muss manuell Hilfslinien anlegen, aber es funktioniert.
Mengensatz ist noch eine „junge“ Funktion in CorelDraw – man spürt es bei der Dokumenteinrichtung, der Anlage von Rändern und Hilfslinien. Man muss manuell Hilfslinien anlegen, aber es funktioniert.

Nachdem man sich im Programm akklimatisiert hat, kommt man recht flott voran. Viele Arbeitsabläufe liegen dicht an aus Illustrator bekannten Abläufen. Der Dateiaufbau orientiert sich weniger daran, was man aus klassischen DTP-Anwendungen kennt. Das gilt insbesondere auch dafür, dass Bilder nicht einfach in Rahmen plaziert werden können, sondern eine Beschneidungsmaske – in CorelDraw „PowerClip“ genannt – benötigen.

Ein besonderes Highlight, das CorelDraw zu bieten hat, sind frei gewinkelte Hilfslinien. Sie erweisen sich besonders bei der Konstruktion komplexer Diagramme oder graphischer Konstruktionen, die mit weit auseinanderliegenden Objekten arbeiten, als überaus hilfreich.

Text lässt sich, für ein Vektor-orientiertes Programm, recht komfortabel bearbeiten – und das inklusive der konkurrenzlosen Möglichkeiten, die gerade CorelDraw in diesem Bereich bietet. Innerhalb des dazugehörigen Palettenfeldes kann gescrollt werden. Dies ermöglicht es, sich gut zu orientieren und, wo nötig, tiefer in die Formatierung einzusteigen. Ergänzend können Zeichen- und Objektstile angelegt und Musterseitenobjekte verwaltet werden.

Die Paletten zur Änderung der Einstellungen funktionieren erstaunlich gut.
Die Paletten zur Änderung der Einstellungen funktionieren erstaunlich gut.

Ein spannendes, direkt in die Bedienoberfläche eingebautes, Feature liefert zu einem angewählten Objekt eine Farbpalette auf Basis des angewählten Objektes, die direkt an die eigenen Farbpaletten angefügt werden kann: Mit „Farbstile erstellen“ können schnell aus Bitmap-Dateien Farbpaletten extrahiert und an die Dokument-Farbpalette zur weiteren Verwendung angehängt werden.

Ein Rechtsklick gibt Zugriff auf das Werkzeug „Farbstile erstellen“
Ein Rechtsklick gibt Zugriff auf das Werkzeug „Farbstile erstellen“

Fazit

CorelDraw ist ein ausgereiftes Vektor-Werkzeug, das, etwas Einarbeitung vorausgesetzt, vom Umfang her übersichtliche Produkte mit interessanten gestalterischen Möglichkeiten umsetzen lässt. Dabei ist stets ein unaufdringliches, gut funktionierendes Farbmanagement aktiv. Die erzeugten PDF/X-1a Dateien zeigen im Acrobat Preflight keine Auffälligkeiten.

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