Quark XPress 10 – der Cloud-Killer?

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Jahrelang haben wir uns über Quark geärgert

Ich fing ca. 1994 intensiv an, mich über XPress zu ärgern. In jenem Jahr verbrachte ich einige Wochen in der Druckvorstufe von Werbedruck Petzold und überlegte mir, ob ich vielleicht mein geisteswissenschaftliches Studium für ein Leben in der Nähe bollernder Offsetmaschinen drangeben sollte – während ich zusah, wie ein nicht mehr ganz taufrischer Mitarbeiter an einer nicht mehr ganz taufrischen Lichtsatzapparatur in Sekundenschnelle umfangreiche Datentabellen für Kfz-Broschüren absetzte. Meine Aufgabe hingegen war es, die „hübschen“ Seiten des Kfz-Produktes in XPress 3.1 anzulegen. Meine Herren, hatte diese Software viele Bugs. Das wusste Quark – und XPress 3.2 war bereits verfügbar. Aber es war ein kostenpflichtiges Upgrade. Und es war TEUER. Ich entschied mich trotz XPress 3.1 für einen Wechsel zur Schwarzen Kunst hin und nahm die Arbeit an einem Rechner mit XPress 3.31 auf. Das war auch noch buggy – aber via Zweikanal-ISDN-Zugriff auf CompuServe in den USA konnte man einen kostenfreien (!) Updater auf 3.32 ziehen – und damit lief es endlich ordentlich.

Begleiter durch die 1990er Jahre

Hin und wieder arbeitete ich in Pagemaker 4 und Freehand 3 – aber weit über 90% der Arbeiten wurden über XPress abgewickelt. Ich wechselte meine Arbeitsstellen, Pagemaker fiel aus dem Portfolio, die Freehand-Versionsnummern stiegen; die von XPress eher nicht. Einzelne Arbeitsplätze wurden auf 4 oder 5 geupgraded. Und dann gab es keine Macs mit ADB-Ports mehr – und wieder wollte Quark Geld daran verdienen, dass man die ADB-Dongles in USB-Varianten tauschen musste. Also kaufte man gar nicht mehr bei Quark. Auf diese Weise endeten meine praktischen Erfahrungen mit XPress im Alltagsbetrieb bei Version 6. Doch stets hatte ich eine aktuelle Version auf dem Rechner; als Dozent kam ich immer günstig an eine EDU-Lizenz, startete sie einmal, testete einige Dateien – und stellte wiederholt fest, dass sich im Kern nichts getan hat. Zoomen? Ende bei 400%. Brauchbare Bitmap-Vorschauen? Nicht dran zu denken. Einen Ausdruck auf dem heimischen Tintenstrahler ohne Postscript machen? Wir halten uns gemeinsam lachend den Bauch, okay.

Auftritt InDesign

Darüber ist genug geschrieben worden. Nur soviel: Adobe verhielt sich sehr schlau und brachte ein funktionierendes InDesign 1.0 günstig unter die Leute. Es kamen zügig preiswerte Upgrades – welch’ eine Freude nach dem jahrelangen Elend mit Quark! Das Tollste: man SAH etwas auf dem Bildschirm. Und konnte direkt PDF schreiben. Unglaublich. XPress? Wer braucht das?

Hybris – hier wie da

Während Quark noch dabei war, seine Dollars der Vergangenheit zu zählen, kickten alle Agenturen – und anschließend die Dienstleister – XPress von den Rechnern und arbeiteten mit InDesign. Als die Finanzer bei Quark endlich verschreckt aufblickten, vertickerte Adobe mit großzügigsten Upgrade-Regelungen unterlegte Creative Suites an jeden Menschen auf dem Planeten, der irgendwo noch eine Photoshop LE-Scannerlizenz herumliegen hatte. Quark spielte keine Rolle mehr – und begriff langsam, welche Arbeit das Schließen der funktionalen Lücken von XPress erfordern würde. Man konzentrierte sich darauf, industriellen Mengensatz als Zielgruppe zu halten – während Adobe grunzend das sattgrüne Kreativgeschäft in breiten Strichen abgraste. Doch die Hybris von Adobe begann an jenem Tag, als die Upgrades der Creative Suite immer schmerzhafter wurden – und der Kreis der Upgradeberechtigten immer weiter eingeschränkt wurde.

Die Unzufriedenheit der Adobe-Kunden wuchs seit dem Erscheinen der immer teurer werdenden Creative-Suites zunehmend; aber der Weg zurück zu Quark war unmöglich – zu deutlich war der technische Vorsprung von Adobe; noch untermauert durch den Wechsel des Druckvorstufen-Quasistandards von PostScript auf PDF. Quark nutzte Dongle um seine Kunden zu knebeln; Adobe Transparenzen und PDF.

Seit einiger Zeit nun glaubt Adobe, jegliche Schranken hinter sich lassen zu können und zwingt seine Kunden in die teure Abo-Lösung „Creative Cloud“ – mit der gleichen unkommunikativen Hybris wie Quark einst seine Kunden durch Nichtkommunikation verprellte. Und verlor.

Auftritt XPress 10

Vor diesen Rahmenbedingungen tritt nun Quark auf den Plan – mit einem aufgefrischten XPress 10. Und einem klassischen Lizenzmodell – kaufen und nutzen; ohne monatliche Versklavungsgebühr.

Ich war ausgesprochen neugierig darauf, XPress 10 in die Finger zu bekommen und zu schauen, welche Ärgernisse meiner klassischen „Testszenarien“ endlich abgestellt sein würden.

Als Testszenario entschied mich dazu, ein – wie ich dachte – nur mäßig komplexes „Kreativprodukt“, das ich wenige Wochen zuvor in InDesign erstellt hatte, in XPress 10 nachzubauen, um möglichst nicht um potentielle Schwächen von Quark „herumzutesten“: den Dummy der Stadion-Eintrittskarte von Mainz 05:

QXP10 – das sieht doch ordentlich aus. Die Tücke steckt aber im Detail
QXP10 – das sieht doch ordentlich aus. Die Tücke steckt aber im Detail…

Ich liste kurz auf, was mir „auf dem Weg“ alles aufgefallen ist:

Dokumentanlage weiter ohne Beschnittzugabe – man muss weiterhin „blind“ über den Dokumentenrand hinaus arbeiten.

Neue Dokumente haben ein merkwürdig generisches Farbmanagement aktiv – das muss in der Zusammenarbeit mit einer modern arbeitenden Druckerei zu Farbraumtransformationen führen.

Verläufe haben weiterhin keine Haltepunkte – der Rotverlauf unterhalb des Mainz 05-Logos musste aus einzelnen Flächen gestückelt werden.

Objekte haben ihren Haltepunkt noch immer ausschließlich links oben. Das ist äußerst sperrig!

Nicht so wichtig; aber in gerade diesem Projekt gefragt: Verläufe in Konturen. Das kann XPress nicht.

Das Dokument enthält eine Reihe von Bildern und Logos … und die müssen alle einzeln importiert werden. Das ist (zu) mühsam.

Komplexe Illustrator-Logos mit Transparenzen führen zum Programm-Absturz (Entega-Logo). Da man als Dienstleister die Pfoten von solchen gelieferten Logos lassen sollte, ist das ein sehr unangenehmes Problem. Schafft man es so eine Konstruktion zu plazieren, muss man feststellen, dass komplexe AI-Logos nicht korrekt ins PDF ausgegeben werden – weder bei aktiver Transparenzreduktion noch bei „nativem“ Export. Der weiter aktive PostScript-Unterbau lässt grüßen.

PSD-Dateien können nicht per Deckkraftreduktion abgesoftet werden – der Fußballer im Hintergrund erscheint also deutlich kräftiger als gewünscht – oder wird entsprechend in Photoshop vorbereitet. Schade.

Insgesamt muss auf alle aus InDesign „gewohnten“ Transparenzeffekte wie Multiplizieren, Luminanz etc. verzichtet werden.

XPress kann Unterlängen nicht aus dem Textrahmen laufen lassen – damit lassen sich „unten“ ausgerichtete Textboxen nicht zuverlässig auf der Textgrundlinie positionieren.

Der QR-Code-Generator ist nur genau das; ein Generator. Man kann nicht sehen, welche Informationen in dem Code stecken, wenn er mal plaziert ist.

Nach jedem Programm-Neustart ist die Farbpalette wieder weg und muss manuell wieder aktiviert werden. Das fällt natürlich besonders auf, wenn man lernen muss, dass komplexe AI-Dateien zu Abstürzen führen …

Die Zellenbreite in Tabellen wird über das Bearbeiten der Tabulator-Position (!) bestimmt. Das muss man wissen – sonst sucht man schon mal seeeeehr lange nach den entsprechenden Werten.

Sehr angenehme Überraschung: Ausdrucke auf Nicht-Postscript-Druckern sehen sehr gut aus!

Schöne Ausdrucke – das kann jetzt auch XPress!
Schöne Ausdrucke – das kann jetzt auch XPress!

Sehr unangenehme Überraschung: Was macht XPress 10 mit Unterstreichungen? Anwählen des Icons führt zu überfettem Strich. Dann gibt es noch „Unterstreichungsstile“ – die sind aber irgendwo „standardisiert“ – nur; WO? Eine Suche über verschiedene Foren liefert die Antwort: nirgendwo – und das offenbar schon seit einiger Zeit.

Nett: Beim Duplizieren gibt es eine Option, mit der der Drehpunkt des Objektes bestimmt werden kann. Aber warum kann ich den Haltepunkt eines Objektes dann nicht frei wählen?

Hochgradig unerfreulich: Je mehr komplexe Vektor-Bilddaten plaziert werden, desto langsamer wird die Textbearbeitung. Hier verschwindet der ehemals große Vorteil von XPress gegenüber InDesign: schlechte Bildschirmdarstellung zugunsten einer rattenschnellen Bedienoberfläche.

Sehr schade: Das Arbeiten in der „Proof“-Ansicht ist nahezu unmöglich – XPress reagiert extrem langsam auf Eingaben. Schaltet man sie aus, schaut man wieder auf Bonbon-Farben. Seufz.

Hinweis am Rande: Getestet habe ich zunächst mit Version 10.0.0.1 unter MacOSX 8.5 und dann mit Version 10.0.0.2 unter MacOSX 9.

Fazit

Quark sagt, man habe sich zunächst auf die Modernisierung der Bedienoberfläche konzentriert. Das ist auch weitgehend gelungen. Die Bedienkonzepte sind anders als bei InDesign – das ist sicher kein Nachteil und nur für mich ungewohnt; weil die Konzepte weder InDesign angeglichen sind, noch den mir in die Finger gegossenen Abläufen sehr alter XPress-Versionen entsprechen. Aber, nochmal; das ist primär mein Problem und man sollte sich mit dem durchdachten und gut funktionierenden Interface beschäftigen um zu entscheiden, ob es zur eigenen Arbeitsweise passt.

Im Untergrund hat sich leider wenig getan. Auch XPress 10 mag man nicht für grafisch anspruchsvolle Projekte nutzen – da wird es einfach zu langsam und der Zoom endet bei 800%. Das reicht meist; aber eben nicht immer. Quark wirbt damit, dass die Vektordarstellung auf dem Bildschirm besser und schneller sei als bei InDesign. Das stimmt; aber nur, solange man nicht in der Proof-Ansicht arbeitet. Und das möchte man eigentlich, weil es sonst sehr unnatürlich aussieht, was man gezeigt bekommt.

Dass komplexe Illustrator-Logos zu massiven Problemen führen, macht XPress im Alltag für mich zu einem nahezu unbenutzbaren Tool – denn ich kann und darf nicht in gelieferte Logos von Kunden eingreifen. Und die nutzen heute sehr häufig Verlaufsgitter und komplexe Transparenzkonstruktionen. Hier muss Quark dringend nachbessern. Diese Anforderung lässt sich gleich problemlos auf das komplette Transparenz-, Farbmanagement- und PDF-Handling ausweiten. Quark hat angekündigt, das im nächsten Schritt tun zu wollen. Wir sind gespannt.

Ich hoffe nur, dass damit nicht XPress 11 oder 12 gemeint sind, sondern 10.1 – also bitte, Quark! Adobe hat euch mit seinem Cloud-Zwang eine gigantische Bresche des Wohlwollens im Designumfeld geschlagen. JETZT ist eure Gelegenheit, euch wieder in den Vordergrund zu arbeiten. Nutzt die Chance!

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3 Antworten auf „Quark XPress 10 – der Cloud-Killer?“

  1. Danke für den Test, denn obwohl ich InDesign wirklich gern mag, ist meine Loyalität zu Adobe allmählich auch beschädigt. Aber noch scheint es ja schwierig zu sein, mit Alternativen.
    Ich kenne Quark (3.5 / 4 unter OS9.1) nur als veralteten, überheblichen Dinosaurier. Die letzten Jahre hätten aus dieser Firma und ihrem Produkt doch eigentlich einen wieselflinken Untergrundkämpfer machen müssen, weil Adobe inzwischen zum Mafiaboss aufgestiegen ist. Aber das scheint entweder viel schwieriger zu sein, als ich mir vorstellen kann, oder sie haben es einfach nicht drauf!?

    1. Quark scheint sich in den letzten zehn Jahren sehr auf datenbankgestützte, industrielle Mengensatzproduktion verlegt zu haben – sprich; man hat das Feld „Kreativität“ schlichtweg kampflos Adobe überlassen. Sie sprechen nun von einer mehrstufigen Umsetzung der Modernisierung von XPress – erst die GUI, dann den Unterbau. Es dürfte die letzte Chance sein. Alternativ kann ich nur empfehlen, sich mal mit Scribus zu beschäftigen …

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