Adobe Creative Cloud – auf Wolken gebettet?

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Dieser Artikel ist in der Print-Ausgabe 3/2013 des österreichischen 4C-Magazins erschienen

Interessant ist die CREATIVE CLOUD für Anwender, die intensiven Gebrauch von den immer weiter ausgreifenden Online- und ePub-Funktionalitäten in der Creative Suite machen. In diesem Umfeld muss aktuelle Software eingesetzt werden, um zu ansprechenden, funktionalen Ergebnissen zu kommen. Je mehr Anwendungen dabei aus der „Master Edition“ der Creative Suite genutzt werden, desto eher rechnet sich das „Cloud“-Modell – und dann können auch gut jene Funktionen genutzt werden, wegen derer Adobe diese Lösung mit dem Zusatz „Cloud“ versehen hat.

Doch für Anwender aus der Druckvorstufe mit einer Vielzahl von Bestandslizenzen ist Vorsicht angebracht. Da zwischen den Modellen „Nutzungslizenz“ und „CREATIVE CLOUD“ ein gewichtiger lizenztechnischer Unterschied besteht, muss jedes Unternehmen für sich prüfen, welchen Weg es künftig beschreiten möchte.

Adobe möchte Software künftig einzig per Download ausliefern. So muss das Unternehmen nur noch seine Webserver frisch halten – und möchte seine Kunden davon überzeugen, die Software zu abonnieren.

Doch ist die CREATIVE CLOUD auch für die Druckvorstufe von Vorteil?

Was ist die „Creative Cloud“?

Die CREATIVE CLOUD ist ein Software-Abonnement für alle Creative Suite-Anwendungen von Adobe, das um einen Online-Speicher und einige Funktionen aus dem Digitalpublishing ergänzt wurde.

Mit dem Erwerb einer klassischen Nutzungslizenz ist sichergestellt, dass die Software zeitlich unbeschränkt genutzt werden kann. Beim Cloud-Modell hingegen wird der Anwender zum „Lizenz-Abonnenten“ – werden die Zahlungen eingestellt, ist die installierte Software nicht mehr verwendbar. Der Anwender macht sich davon abhängig, dass Adobe ihn, Monat für Monat, als zahlungsfreudigen Kunden erlebt. Damit weitet Adobe seine Kontrolle über die Arbeitsumgebung auf eine neue Dimension aus.

Über die letzten Jahre hinweg hat sich der Kontrollwunsch von Adobe immer stärker entwickelt. Man wollte wissen, wo die Software eingesetzt wird und führte die Online-Aktivierung ein. Anschließend folgte die technische Beschränkung, dass die Software auf maximal zwei Rechnern installiert, aber nicht gleichzeitig genutzt werden darf. Auch das Hilfesystem greift auf die Webserver von Adobe zu und erfasst dort, was die Anwender recherchieren.

Die CREATIVE CLOUD muss regelmäßig mit den Aktivierungsservern kommunizieren. Ohne Online-Anbindung verfällt die Aktivierung spätestens nach einem Monat. Der Anwender begibt sich erstmals in eine Abhängigkeit, in der es für Adobe möglich wird, die Software aus der Ferne „auszuschalten“.

Eine Entscheidung – über die Kostenbetrachtung hinaus

Creative Suite Anwender, die bisher nur sporadisch Upgrades bezogen haben, motiviert Adobe künftig zum regelmäßigen Öffnen der Geldbörse: die Berechtigungszeiträume für Upgrades wurden in den vergangenen Jahren kontinuierlich enger geklammert. Wartet man zu lange mit dem Upgrade, muss neu gekauft werden. Aktuell sind Upgrades auf CS6 nur noch von CS5 und CS5.5 möglich. Das „Upgrade“ auf die CREATIVE CLOUD hingegen ist – schau an – bereits ab der Version CS3 möglich. Folglich kann unterstellt werden, dass mit dem Erscheinen der CS7 alle Versionen bis einschließlich CS5 im klassischen Lizenzmodell „ausgeschaltet“ werden. Anwender mit älteren Versionen werden auf diesem Weg unsanft in die CREATIVE CLOUD gelenkt – weil sonst die Preise für einen Neukauf zu zahlen sind.

Zugleich schrumpfen die Zeiträume zwischen den Programmversionen. Aktuell muss man über einen Zeitraum von fünf Jahren zwei bis drei „große“ Upgrades von Adobe kaufen, um aktuell und bezugsberechtigt zu bleiben. Bezogen auf die CS Standard heißt das, jedes Upgrade mitmachen zu müssen und dafür jeweils 300 Euro pro Platz zu zahlen. Wird eine Runde „verschlafen“, verdoppelt sich der Preis. Eine weitere Runde später zählt Adobe seinen Kunden dann komplett aus: Neukauf.

Adobe zieht somit faktisch schon heute von seinen Kunden eine „monatliche Benutzungsgebühr“ pro Arbeitspatz ein. Der Vorteil auf Kundenseite liegt zur Zeit noch darin, dass die Nutzungslizenz für die genutzten Anwendungen und das eher unauffällige Aktivierungsverhalten der Software vergleichsweise kostengünstig ist. Diesen Anwenderkreis lockt Adobe nun mit einem Zusatznutzen und möchte ihn dadurch enger binden:

Interessant ist das CREATIVE CLOUD Angebot, wenn alle Adobe-Anwendungen frei an unterschiedlichsten Arbeitsplätzen genutzt werden sollen und diese Arbeitsplätze zuverlässig Zugriff auf das Internet haben. Solche Anwenderkreise werden sicher intensiv den namensstiftenden Cloud-Speicher für eigene oder Kundenzwecke nutzen können. Man sollte allerdings bedenken, dass damit zusätzlicher IT-Administrationsaufwand auf der Käuferseite entsteht, denn die Lizenzen – die an Mailadressen gebunden sind – müssen aktiv über eine Web-Anwendung verwaltet werden. Komfortabel funktioniert das im Unternehmen nur mit der „Team“-Variante der Creative Cloud.

Anders sieht es aus, wenn nur ein kleiner Auszug aus der breiten Creative Suite Anwendungspalette genutzt wird. Und genau das ist im Umfeld der Druckvorstufe meist der Fall, denn dort werden hauptsächlich die Kernanwendungen Acrobat, InDesign, Illustrator und Photoshop – sprich: die „Standard Edition“ der Creative Suite – verwendet.

Wenn man betrachtet, wie sich die Kosten für einen neu einzurichtenden Adobe-Arbeitsplatz über einen Zeitraum von fünf Jahren entwickeln, ist das Bild ernüchternd:

Kauf CS6 Master

2.901,–

556,–

556,–

4.013,–

67,–

Kauf CS6 Standard

1.500,–

300,–

300,–

2.100,–

35,–

Abo Creative Cloud Team

600,–
(360,– für Bestands-kunden)

840,–

840,–

840,–

840,–

3.960,–

66,–

Abo Creative Cloud
Einzelanwender

360,–

600,–

600,–

600,–

600,–

2.760,–

46,–

Zeitraum

1. Jahr

2. Jahr

3. Jahr

4. Jahr

5. Jahr

Kumuliert

Monatlich pro Anwender

Nettopreise im Adobe-Store. Zzgl. der irischen Umsatzsteuer von 23%

Bestandskunden können auf die CREATIVE CLOUD zu einem vergünstigten Tarif für das erste Jahr umsteigen: 360 €. Neukunden zahlen 600 €. Für jedes Folgejahr werden 840 € fällig.

Die Tabelle zeigt eindrucksvoll, dass für Anwender, die auch künftig nur die Kernprodukte der Creative Suite einsetzen, der Umstieg auf die CREATIVE CLOUD finanziell nicht verargumentierbar ist. Hat der Adobe-Kunde derzeit eine ausreichende Anzahl aktueller Lizenzen im Einsatz und upgradet diese regelmäßig, wird das Missverhältnis für diesen Nutzerkreis immer drastischer; denn dann sprechen wir von deutlich weniger als 20 € pro Platz und Monat.

Was tun in der Druckvorstufe?

In vielen Fällen kommen Anwender im Vorstufenumfeld mit einer Kombination aus „Kauf“ und angemietetem „Web-Speicher“ günstiger weg als mit der CREATIVE CLOUD. In diesem Szenario kann der Anwender eine „günstige“ Adobe-Lizenz fest an einen Arbeitsplatz binden, es kann frei definiert werden, wo Austausch-Daten liegen und wie die Zusammenarbeit auf diesen Daten stattfindet. Ergänzend lassen sich die Synchronisierungs- und Zusammenarbeitsfunktionen von Angeboten wie Dropbox nutzen, um Daten extern abzuwickeln – eine eingeführte, gut funktionierende Dienstleistung, deren technische und funktionale Qualität Adobe zunächst nachweislich erreichen muss.

Ob der Zugriff auf alle Adobe-Anwendungen und die – künftig vermutlich umfangreicher werdenden – Kollaborations-Features den Aufpreis gegenüber dem bisher genutzten Angebot wert sind, sollte jeder Unternehmer gründlich hinterfragen – und durchrechnen.

Nebenkriegsschauplatz: Adobe verkauft keine Softwarepakete mehr?

Über verschiedene Reseller ist die Information durchgesickert, dass Adobe ab Mai 2013 keine „boxed software“, also Software in einer schicken Verpackung, mehr verkaufen will. Im Alltag dürfte das kaum praktische Bedeutung haben:

Auch nach dem Wegfall der Verkaufsverpackungen können weiterhin „klassische“ Nutzungslizenzen von Adobe-Produkten zum zeitlich unbeschränkten Einsatz gekauft werden. Kunden erhalten allerdings keine Schachtel mehr, sondern bekommen einzig eine Aktivierungs-Seriennummer von Adobe.

Da Adobe – wie viele andere Softwareunternehmen – unfreundlicherweise schon seit vielen Jahren keine gedruckten Handbücher mehr zu den Programmen mitliefert und da nach erfolgter Installation viele Megabytes an Updates gezogen werden müssen, ist das Auslieferungsmodell „Datenträger“ tatsächlich technisch nicht mehr sinnvoll.

Links und Infos

FAQ zu CREATIVE CLOUD TEAMS: http://www.adobe.com/de/products/creativecloud/faq.html#Creative Cloudm-teams

500.000 Nutzer der CC – in der dazugehörigen Pressemeldung steht verständlich erklärt, was die CREATIVE CLOUD eigentlich ist: http://press.adobe.com/cgi-bin/pr.cgi?show=content;rel_id=2538

Firmenkunden können, anders als Privatpersonen, nur Jahresverträge mit Adobe abschließen. Kündigen Sie vorzeitig, berechnet Adobe Ihnen 50% Stornogebühr für die ausstehenden Beträge bis zum Laufzeitende.

Wirklich neu bei CREATIVE CLOUD: Endlich spielt es keine Rolle mehr, ob Sie eine Anwendung auf einem Microsoft Windows- oder Apple Macintosh-Rechner nutzen möchten.

Die Ablage der Installer sollte geregelt erfolgen – die sind gerne mal 1 GB groß und sollten nicht mehrfach redundant auf den Arbeitsplatzrechnern herumliegen.