Blau und Grau – Verläufe des Grauens

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Immer und immer wieder stehe ich an Leuchttischen und werde gefragt, warum der Druck denn so anders aussähe als der Proof. Das könne doch nicht sein, da müsse doch irgendjemand einen schrecklichen Fehler gemacht haben. Und meist ist es auch so. Aber der Fehler liegt eher selten im Produktionsprozess, sondern meist im Kopf des Gestalters. Und oft hat die unbefriedigende Gesamtsituation etwas damit zu tun, dass Gestalter und Umsetzer nicht wirklich wissen, was in einer Druckerei abläuft, damit das Papier bunt wird.

Mein Erleben ist, dass erschreckend viele Gestalter glauben, dass sie keinerlei Verantwortung dafür tragen, wie das Druckergebnis ausfällt. Aber das ist schlichtweg falsch. Halten wir uns zunächst vor Augen, was hier konkret verglichen wird:

PDF >> Proofer: Bunt, zertifiziert, fertig. Hier sehen die lustigen graublauen Verläufe über alle Seiten hinweg noch ganz toll aus. Und immer ziemlich gleich … wenn die identische, regelmäßig gewartete Proofumgebung dafür genutzt wird. Doch auch hier wird es schon interessant, wenn die gleiche PDF auf einem anderen Proofsystem ausgegeben wird. Spielen Sie das doch mal durch … und die Abweichung dieser beiden Proofs zeigt schon direkt, dass auch ein Delta E von 1 schon massive Schmerzen verursachen kann. Gerade bei den graublauen Verläufen.

PDF >> Druckerei: Die PDF wird geprüft und für den Offsetdruck separiert. Die vier Farbauszüge werden an den Rechner übergeben, der die Druckplattenbelichtung steuert. Dabei wird berücksichtigt, welche Materialklasse im Druck verwendet wird, wie sich der in der Druckerei verwendete Druckplattentyp verhält und wie groß die Toleranzen sein dürfen. All diese Berechnungen führen dazu, dass ein in den Daten angelegter Verlauf von 0 bis 100 Prozent Farbauftrag mit zum Teil massiv abweichenden Prozentwerten auf die Druckplatte belichtet wird. Und das auch nicht in einer kontinuierlich „Prozent für Prozent“ übersetzenden Berechnung, sondern über ein paar wenige Haltepunkte hinweg. Oder anders: 35% in den angelieferten Daten können auf der belichteten Druckplatte 23% entsprechen, weil entsprechende Zuwächse bei der Plattenbelichtung und im Druck so kompensiert werden, dass – bezogen auf den Mittelwert (!) der bekannten Papiere in der gewählten Materialklasse – auf dem Papier nach dem Druck für den Betrachter dann wieder 35% sichtbar werden. Es kann gut sein, dass über einen größeren Wertebereich hinweg die Prozentwerte auf der Druckplatte sehr dicht beieinander liegen – das führt dann nur auf dem Material zum erwünschten Ergebnis, das auch zur Erzeugung dieser Korrekturen genutzt wurde. Sie drucken aber nicht auf Galaxi Keramik, oder?

Der technische Unterschied

Für den Proof kümmert sich ein eng gestuftes, mit sehr geringen Toleranzen steuerbares, System darum, dass ein Punkt direkt (!) auf ein immer identisches Material (!) mit einer optimal definierbaren, ungerasterten (!) Färbung aufgebracht wird.

Im Druck hingegen liegen zwischen Material und Farbe zusätzlich die Übergabepunkte Druckplatte und Gummituch, über die eine Mischung aus Wasser und Farbe unter hoher mechanischer Belastung großflächig auf ein in Qualität und Beschaffenheit heftig schwankendes Material aufgebracht wird. Und das viermal kurz hintereinander, bis sich die gerasterte Umsetzung für das Auge zum gewünschten Ergebnis zusammenfügt.

Was davon klingt anspruchsvoller? Eben.

Ein Wort zum Farbsehen des Menschen

In technischen Broschüren wird gerne mit Blau- und Grautönen gearbeitet. Wir assoziieren diese Farben mit Ruhe, Technik, Verbindlichkeit, Ordnung und Verlässlichkeit. Leider sehen wir Menschen diese Farben auch ziemlich gut; selbst die Farbfehlsichtigen unter uns. Es gibt andere Bereiche, in denen wir weniger gut differenzieren können. Wenn es also bei Blau- und Grautönen zu Schwankungen kommt, nehmen wir die sehr schnell und auch bei kleinsten prozentualen Verschiebungen als störend wahr.

Wenn Sie das besser verstehen möchten, öffnen Sie bitte mal ein hochkomprimiertes, vierfarbiges JPEG-Bild. Die Komprimierung ist deswegen so effektiv, weil sie Bildinhalte herausrechnet und verschwinden lässt, die für das Auge (!) nicht wesentlich sind. Aus diesem Grund halte ich auch für den Druck nichts von diesem Format: denn wenn im Gelb-Auszug nur noch zentimetergroße Klötze vorhanden sind, hat das RIP bei der Separation auch nichts, was es für die Plattenbelichtung zu berechnen gäbe … und das sich daraus ergebende miese, gleichförmige Ergebnis sehen Sie dann im Druck durchaus.

Wollen Sie das?

Die „Standardisierung“

Der ProzessStandard Offsetdruck definiert Toleranzen, die hinreichend groß sind, um in allen Druckbetrieben mit unterschiedlichster Ausstattung erreichbar zu sein. Doch leider ist der Toleranzbereich derart breit, dass die Ergebnisse auf modernen Produktionssystemen zu vollkommen unterschiedlichen Farbeindrücken führen können – innerhalb des zulässigen Bereichs. Dann können Sie reklamieren und klagen wie Sie wollen.

Ein Beispiel: Als ich in den 1990er Jahren in die Branche einstieg, wurden Filme auf Druckplatten belichtet. Farbwerte unterhalb von 2–3 Prozent „schafften“ es nicht auf die Druckplatte. Durch die zwischengeschaltete Belichtung schwankten auch die Mitteltöne unter Umständen stark. Und wenn die Brühe in der Entwicklungsmaschine alt war, geriet das System schnell aus allen Fugen. Heute hingegen kann eine Druckplatte, quasi unter „Laborbedingungen“, direkt und sehr präzise bebildert werden. Abweichungen im Prozentbereich werden stabil auf die Druckplatte übertragen. Moderne Druckmaschinen wiederum bringen das auf der Druckplatte Vorhandene sehr zuverlässig auf das Material. Kurz: 20 Jahre später ist der tatsächlich nutzbare Farbraum wesentlich größer geworden. Und die Übertragungstechnik ist meist erheblich besser als das zu bedruckende Material. Somit ist das berühmte „das verdruckt sich!“ meiner „Lehrzeit“ schon seit vielen Jahren Geschichte.

Ja, eigentlich könnte man heute die Toleranzen deutlich reduzieren. Das ist allerdings für eine Druckerei ein sehr teures Unterfangen; denn idealerweise wird jede Maschine regelmäßig neu „profiliert“ und somit im internen Belichtungsworkflow optimal gesteuert, wie Farbe wiedergegeben wird. Die Gretchenfrage an Sie als Auftraggeber lautet an dieser Stelle: Sind Sie bereit, diesen Aufwand zu bezahlen? Und kennen Sie sich so gut mit dem Farbmanagement aus, dass Sie zuverlässig mit Haus-Farbprofilen der Drucker umgehen könnten?

Zurück zum Ausgangsproblem

Auf dem Weg vom Bildschirm des Gestalters auf den Proof haben wir es mit einem gut kontrollierbaren Umfeld zu tun, bei dem Farbe ungerastert in nahezu idealtypischer Weise auf ein hochoptimiertes Material aufgebracht wird. Easy. (Proof-RIP-Hersteller werden mich dafür steinigen.)

Aber machen Sie sich bitte klar: Dieses optimal steuerbare Umfeld existiert in einer Druckerei nicht. Lösen Sie sich von der Vorstellung, dass dort erzielbar sein muss, was Sie auf dem Proof sehen und akzeptieren Sie, dass Sie es beim Druck mit einem äußerst anspruchsvollen technischen Ablauf zu tun haben. Ein Proof entsteht technisch auf eine vollkommen anderen Weise als ein Druck.

Das Kernproblem mit den graublauen Verläufen ist, dass Sie ein „glattes“ visuelles Ergebnis sehen möchten. Über eine Rasterung hinweg. Auf einem Bedruckstoff Ihrer Wahl, auf den der Workflow der Druckerei sicherlich nicht kalibriert wurde. Über eine eher grobe, tonwertzuwachskorrigierende Druckplattenbelichtung hinweg, die per se schon verhindert, dass Sie einen glatten Verlauf bekommen … in einem einzelnen Auszug. Geschweige denn über vier Farbauszüge hinweg. In einem Farbbereich, in dem alle Menschen gut in der Lage sind, kleinste Abweichungen zu erkennen.

Ergänzend wird Ihr Produkt meist nicht im technisch gut handzuhabenden A4- oder A3-Format gedruckt, sondern auf möglichst großen Druckbögen (Preis!). Die durch vier Farbwerke laufen. Mit Wasser in Berührung kommen. Die also arbeiten, sich ausdehnen, erwärmen und anschließend wieder abkühlen und trocknen müssen. Machen Sie sich bewusst: Das Material ist auf dem Weg durch die Maschine in Breite und Länge gewachsen. Die Farbauszüge können also, insbesondere in Abhängigkeit von der Größe des Druckbogens, nur mehr oder weniger gut passen.

Just an dieser Stelle ereilt Sie das Kernproblem der graublauen Verläufe: die Rasterpunkte landen nur selten exakt (Hundertstel-Bereich!) auf der Stelle, wo sie sein müssten, damit hundertprozentig der rechnerisch korrekte, erwünschte Farbeindruck entsteht. Was Sie tatsächlich sehen, driftet also mal ins Grüne, Gelbe, Rote oder Blaue. Je größer der Bogen ist, je intensiver Sie graphisch mit dem Verlauf „spielen“, je mehr Farbauszüge an seiner Wiedergabe beteiligt sind – desto größer wird ihr Problem im Druck.

Wenn es denn unbedingt Verläufe sein müssen: Gehen Sie zur Druckabnahme! Stellen Sie sicher, dass jene Seiten optimiert werden, die ihnen besonders wichtig sind. Und wenn alles toll aussehen muss: nur eine kleinere Maschine kann Sie glücklich machen. Was das kostentechnisch bedeutet, muss ich Ihnen nicht erklären. Prüfen Sie, ob die Verläufe eventuell über eine Sonderfarbe gedruckt werden können. Denn wenn der Drucker in den Farbauszügen auch noch Bilder gut aussehen lassen soll, kann er sich nicht auch noch um glatte Verläufe kümmern. Logisch, oder?

Ich denke, es ist jetzt klar, warum der Gestalter sich bei der Verwendung von Verläufen in seinem Layout nicht einfach herausreden und aus der Verantwortung stehlen kann: Denn die Grundprinzipien des Drucks sind schon etwas länger bekannt. Länger als alle Gestalter auf diesem Planeten an Rechnern technische Verläufe anlegen. Es ist ein Handwerk und es will beherrscht sein.

Es gibt keine Entschuldigung für Ignoranz.

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