Verlage: die Welt ist böse und Amazon der Teufel

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Ausgelöst durch einen Artikel auf Spiegel Online habe ich heute — zugegebenermaßen verwundert — feststellen müssen, dass eine Befürchtung, die ich im Dialog mit @pimbeam im Juni geäußert habe, schneller als gedacht Realität wird. Damals ging es mir primär um einen technischen Aspekt — dass Verlage meiner Ansicht nach zu wenig tun, um sich aus Sicht der Autoren und Leser als notwendige Angelpunkte bei der Veröffentlichung darzustellen.

Mein damaliger Punkt war, dass es mit modernen Publishing-Methoden für Verlage schwierig werden wird, mit der rein technischen Abwicklung der Publikation künftig noch Geld zu verdienen.

Nun geht also Amazon den nächsten Schritt und baut seinen, zunächst sehr zurückhaltend angelegten, Verlagszweig massiv und erkennbar aus. Dabei stellen sie ganz offensiv die Rolle der Verlage in Frage:

“It’s always the end of the world,” said Russell Grandinetti, one of Amazon’s top executives. “You could set your watch on it arriving.”

He pointed out, though, that the landscape was in some ways changing for the first time since Gutenberg invented the modern book nearly 600 years ago. “The only really necessary people in the publishing process now are the writer and reader,” he said. “Everyone who stands between those two has both risk and opportunity.”

Dieses Zitat stammt aus der NY Times von gestern. Und es sagt eigentlich alles, was dazu zu sagen ist. Ich übersetze mal in „meine“ Worte:

Die Welt verändert sich. Stellst du dich darauf ein, gehst du damit aktiv um, dann wirst du Spaß haben und Geld verdienen. Wenn nicht, wirst du untergehen. Verlage, die nicht erklären können, warum sie als Instanz zwischen Autor und Käufer notwendig sind, Verlage die für diese beiden Pole keinen Mehrwert anbieten können, haben keine Existenzberechtigung.

In diesem Zusammenhang finde ich besonders auffällig, dass viele Autoren die intensivierte Zusammenarbeit mit Amazon offenbar sehr schätzen:

Sie bekommen Tools zur Erfolgsmessung. Amazon behandelt sie als Partner, nicht wie Lieferanten. Autoren können das geschäftliche Risiko selbst tragen und auf Amazon im Eigenverlag veröffentlichen … und sie finden das offenbar klasse.

Augenscheinlich fühlen Autoren sich von Verlagen in die Bedeutungslosigkeit gelobt. Die vorgelegten Bücher werden zwar geprüft, für toll befunden — aber leider nicht veröffentlicht. Einmal, zweimal, viele Male. Wer kann es den Autoren dann verdenken, dass sie einen direkten Vertriebskanal wählen, der zudem auch noch die Möglichkeit zur Interaktion mit den Lesern eröffnet und beschleunigt?

Also, liebe Verleger. Zeit zum Aufwachen. Mehr transparente Kommunikation! Liefert den Autoren Gründe, sich an euch zu binden. Das ist eure Aufgabe!

Stattdessen prophezeien Verleger Amazon große Probleme und riesige anstehende Investitionen. Und verkennen dabei, dass sie mit dem Jammern aufhören müssen. Denn genau hier können sie sich von Amazon abgrenzen: Amazon will und kann diese qualitätssteigernden Leistungen gar nicht erbringen, kann aus einem mäßigen Autor mit einer guten Idee kein Buch machen. Denkt also weniger darüber nach, was Amazon tut — und schafft Neues!

Kurz: Werdet euch eurer eigentlichen Aufgabe bewusst, gemeinsam mit den Autoren zu arbeiten, Werke zu entwickeln, Wunder zu erschaffen. Denn das passt nicht in das Geschäftsmodell von Amazon.

Noch nicht.