Was es so spannend macht …

Losgelöst vom "Tagesgeschäft" möchte ich mich in diesem Beitrag einmal von Alltagsproblemen lösen und herausarbeiten, warum ich eigentlich in dieser Branche unterwegs bin. 

Verkürzt formuliert ist "Print" für mich nur ein Vehikel, meiner eigentlichen Lust zu fröhnen: Computern.

Schuld ist mein Vater; der schaffte 1982 einen Commodore 64 an. Inklusive sündhaft teurer Peripherie: ein Floppy-Laufwerk und ein echter Farbmonitor waren vom Start weg da. Und schnell erschlossen sich mir die unbegrenzten Möglichkeiten hinter den "38911 freien Basic Bytes" auf blauem Grund. 

Über die Jahre wechselten verschiedene Rechner und Betriebssysteme unter meinen Händen; dabei pendelte ich ständig zwischen "Hardwarebasteln" und "Softwareverfluchen". Interessanterweise wuchs beides über die Jahre immer mehr zusammen und funktionierte sogar. Eine gewisse Firma namens Apple hat das schließlich in einem Gerät mit der Bezeichnung "iPhone" auf die Spitze getrieben.

Wenn man mal ein Buch kaufen musste um zu erfahren, dass "Poke 53281,1" die Hintergrundfarbe des Bildschirms ändert und dann ein paar Jahre später ein Gerät in die Hand nimmt, das einem mit ein paar wischelnden Fingerbewegungen alle Informationen der Welt – oder einen Gesprächspartner auf der anderen Seite des Globus – liefert, weiß man, dass mit diesen Geräten erstmal nichts unmöglich ist. 

 [via C64-Wiki]

… 30 Jahre später …

[via apple.de]

Aber es gibt eine zweite Schiene, die mich schon immer begeistert hat: Farbe auf Papier. Auch hier gibt es unendlich viele Möglichkeiten und Techniken, verschiedenartigste Farben und Bedruckstoffe zusammen zu bringen. Und auch hier gibt es immer wieder etwas Neues; entweder beim chemisch-physikalischen Zusammenspiel der Partner – oder bei der Technik, mit deren Hilfe sie zusammengebracht werden. 

Insofern bin ich nur ein Junkie meiner Interessen. Und ich sehe keine Grenzen. Denn es gibt keine. Ja, ein paar physikalische Probleme gilt es zu überwinden. Ja, einige Dinge funktionieren heute noch nicht so gut, wie man sich das wünscht – wenn man mal wirklich in die Umsetzung gegangen ist. 

Doch wäre das ein Grund aufzugeben, könnte ich keinen unendlichen Kalender in der Hosentasche herumtragen. Ich könnte kein Auto fahren, das die Tür von alleine aufmacht, wenn ich in der Nähe bin. Es gäbe keine Möglichkeit, im Stau stehend einen Termin zu verschieben. Und im Büro würde ich fluchen, TippEx benutzen und es dann doch neu schreiben, weil die Seite mit dem übertünchten Fehler nach nichts aussieht. An den Druckerpressen würden sich weiterhin Handwerker die Finger verbiegen und Tage brauchen, um eine zweifarbige Broschüre herauszuwürgen. 

Als ich 1994 anfing das zu tun, was man heute mit dem Beruf des Mediengestalters bezeichnet, hatte ich gesehen, dass es moderne Druckereien (beste Grüße an dieser Stelle, Andreas Mayer!) gibt, die an Bildschirmen graphische Elemente herumschieben – und im Nachbarraum fallen schließlich lasziv-rotglänzende Coca-Cola-Broschüren in Kartons. Alles aus einer Hand. Mit Computern, Software, Schwermetall, viel Wissen und Stolz produziert. Es war um mich geschehen. 

Was ich dabei immer vermieden habe: mich vom Tagesgeschäft einlullen zu lassen. Das Tagesgeschäft ist der Feind des Fortschritts. Das Tagesgeschäft liefert über Verlässlichkeit die Illusion von Sicherheit. Wie trügerisch.

Leider habe ich in dieser Beziehung offenbar einen Defekt; das Tagesgeschäft hat mich nicht zu nerven. Wenn es das tut, dann ändere ich es – bevor es mich ändert. Und das immer vor dem Hintergrund, dass ich mit modernster Elektronengehirntechnik und Kunstwerken aus tonnenschwerer mechanischer Präzision etwas produzieren möchte, was nur eins tun soll: beim Besitzer des Endprodukts, beim Leser, ein gutes Gefühl auslösen. Es soll perfekt sein. Nicht nur für ihn; insbesondere auch für mich und mein überkritisches Auge. Das Produkt soll spielerisch zeigen, dass "Papier bedrucken" auch in den Zeiten des iPhone in meiner Tasche einen ganz besonderen Stellen-Wert hat. Denn es liefert Haptik. Es fordert Zeit – und spendet Wertschätzung. 

Basierend auf meinem "Computer-Lebenslauf" entwickelt sich mit der Zeit auch eine andere Sicht auf den Wert des Gedruckten: bei mir stapeln sich Datenträger, die unbrauchbar geworden sind. Endlose Mengen von Disketten verschiedener Formate, SyQuest-Cartridges, DAT-Bänder, unlesbare CDs und DVDs, Festplatten und MO-Laufwerke mit Anschlüssen, die ich nur noch an dem Rechner habe, der seit Jahren im Keller verschimmelt. Die Druckmuster, die sich im Laufe der Jahre angesammelt haben, stehen in einwandfreiem Zustand zu Referenzzwecken bereit. Die Daten dazu mögen intakt sein. Aber ich komme weder dran, noch kann ich die Programme, mit denen sie erstellt wurden, jemals wieder starten.

Es stellt sich also die Frage, ob Print nicht gut daran täte, diese ausdauernde Qualität des erzeugten Produkts in den Fokus zu stellen, statt der Onlinewelt hinterherzurennen und sich in endlosen Preiskämpfen mit den Branchenkollegen zu zerfleischen. 

Ich bin sicher: es gibt genügend Zielgruppen, die das ähnlich sehen. Nicht, wenn man sie fragt. Aber wenn sie ein mit geballtem Wissen, technischer Präzision und stolzgeschwellter Brust produziertes Produkt in die Hand bekommen und spontan sagen: "Oh, das ist aber schön! Wie aufmerksam."

Dafür tue ich das. Und das ist – immer wieder – ein berauschendes Gefühl. Ich will es so oft wie möglich haben!

Share

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.