Nokia und Microsoft – Zähneklappern bei Google und Apple? Besser ja!

Am gestrigen Freitag haben Nokia und Microsoft erklärt, dass sie künftig eng zusammenarbeiten, um ein "drittes Ökosystem" in der Welt der mobilen Endgeräte, parallel zu Apples iOS und Googles Android, zu etablieren. Das finde ich äußerst interessant. Denn hier verbünden sich zwei Unternehmen, die auf dem Feld der "mobile Devices" mehrfach bewiesen haben, dass sie nicht recht verstehen, wie der Hase läuft und die sich mit einer zukunftsfähigen Einstellung zu einer "Social Media"-betonten Welt schwertun. 

Zunächst kam es im Anschluss an die Verkündung zu den zu erwartenden Reaktionen; wo immer Microsoft seine Pfoten reinsteckt (verkörpert durch einen stets grenzwertigen Steve Ballmer), ist das Geschrei groß: das Böse dehnt seine dunklen Wolken aus, blablabla. Nokia hingegen hatte zuletzt wegen seiner schwindenden Marktbedeutung (aus westlicher Sicht; eine wichtige Einschränkung) das Image eines freundlichen Underdogs, der Wert auf offene Systemarchitekturen bei mobilen Geräten legt. Da stellt sich natürlich die Ankündigung, mit dem "Reich des Bösen" als primäre Plattform zusammenzugehen, als Höllenschlund dar, der fleißig beweint werden muss. 

Interessanterweise strafte auch die Börse den Deal auf Seiten Nokias massiv ab. "Visionen" und "Börse" scheint nicht wirklich zu passen. 

Gut; es gilt anzuerkennen, dass das neue "Windows Phone"-System von Microsoft nicht den Anklang gefunden hat, den man sich offenbar erhofft hatte. Zeitgleich segelt Nokia auf seinem Gebiet immer schneller tiefsten Abgründen entgegen. Was ist also naheliegender, als sich auf ein gemeinsames Ziel zu verständigen, bevor man endgültig – und womöglich gar kampflos – das Feld räumt? Vor diesem Hintergrund hat der Zusammenschluss also erstmal meine Sympathie. 

Ich unterstelle, dass in beiden Unternehmen nicht nur Deppen herumrennen. Und ich sehe durchaus Potentiale, die es zu heben gilt und um die sich Google und Apple bisher nicht gekümmert haben:

Während Apple den hochpreisigen Sektor nicht verlassen kann, ohne massive Markenprobleme zu generieren, verkünstelt Google sich in einer hölzernen Techie-Welt mit seinen Androiden. Das schafft reichlich Luft für günstige bis mittelpreisige Smartphones, die man in der östlichen und südlichen Hemisphäre verkaufen kann. Also in einem Umfeld, in dem Nokia bekannt ist und funktionierende Vertriebswege hat. 

Nokia ist in der Lage, kostengünstig leistungsfähige Geräte zu liefern. Microsoft hat seinerseits mit dem Abschalten der überkommenen Windows-Mobile-Welt einen Mut bewiesen, den ich nicht für möglich gehalten hätte. Der komplett neue Bedienansatz von "Windows Phone" zeigt, dass man dort sehr agil werden kann, wenn die Umstände es erfordern. Ergänzend mag die Bedeutung von Nokia in unserem westlichen Umfeld schwinden; die möglichen Potentiale liegen aber auf anderen Kontinenten. 

Der Verbund von Nokia und Microsoft wird in der Lage sein – und das sollte niemand unterschätzen – gut funktionierende Mobilgeräte zu entwickeln und zu liefern, die auch ein paar nette Features haben. Und sie werden das Feld von hinten aufrollen. Sowohl, was die Preisgestaltung angeht, als auch was die Märkte betrifft. Es würde mich nicht wundern, wenn das Bündnis zunächst in Osteuropa, Südamerika und Asien aktiv wird. Denn die etablierte Zusammenarbeit von Nokia mit Mobilfunkanbietern rund um den Globus wird es ermöglichen, auch in einfacher strukturierten Märkten ein Bezahlmodell für Apps zu etablieren, das deutlich durchlässiger und damit wesentlich innovationsfähiger sein wird als die verquaste iTunes-Kreditkarten-iOS-Dongelung von Apple. 

Übrigens sagt Steve Ballmer an einer Stelle (beginnend bei 4:05min) etwas sehr Aufschlussreiches, was ich ihm bisher (das mag meiner Ignoranz geschuldet sein!) nicht zugetraut hätte: der Erfolg von Apple sei darauf zurückzuführen, dass sie beim iPhone sehr stringent Hard- und Software als gleichwertige Teile eines monolithisch zu betrachtenden Produktes entwickeln. Dass er das verstanden hat, scheint mir ein entscheidender Punkt zu sein. Und das nun geschlossene Bündnis von Nokia und Microsoft zeigt, dass sie offenbar mit großer Energie daran arbeiten wollen, diese Erkenntnis in einen Markterfolg zu überführen. 

Wenn beide Unternehmen sich auf ihre Kompetenzen besinnen und die Zusammenarbeit positiv und engagiert angehen, kann da etwas Beeindruckendes entstehen. Ich bin äußerst gespannt!