Druckindustrie = Jammertal?
Ein Kommentar zur Pressemeldung des bvdm vom 19.01.2011

Aktuell hat der Bundesverband Druck und Medien (bvdm) der Welt eine Pressemitteilung geschenkt, die ich wegen ihres leidenden und rückwärtsgewandten Grundtenors an dieser Stelle kommentieren muss (sonst leide ich).

Ich kann die Motivation des bvdm verstehen, die üblichen Duftmarken im Vorfeld von Tarifverhandlungen abzusetzen. Doch nachdem ich das nun seit einigen Jahren verfolge, ermüden mich die begleitenden Aussagen zunehmend. 

Heutzutage ein Unternehmen in der Druckbranche zu führen – und das idealerweise auch noch rentabel – ist schwierig. Ja. Aber, lieber bvdm, sei gewiss: das gilt auch für andere Branchen – wenngleich diese aus historischen Gründen vielleicht etwas weniger vernehmlich klagen. 

Was mir missfällt ist der unbändige Drang des bvdm, über alle Maße hinaus auf die Tränendrüse zu drücken. So sehr das der geschundenen Seele der Mitgliedsbetriebe schmeicheln mag, so wenig hilfreich ist es. Denn:

  • Diese Haltung hilft weder dem Verband noch den Betrieben – und auch nicht den Mitarbeitern. Sie lähmt bestenfalls. Motivation geht anders.
  • Lautes und kontinuierliches Jammern sorgt beim potentiellen Nachwuchs für Desinteresse an der Druckbranche. Könnt ihr euch das leisten?
  • Auftragsspendende Unternehmen können nur den Kopf schütteln, wieviel Zeit zum Klagen vorhanden ist, statt durch innovative Gedanken Glanzpunkte zu setzen.

Zitieren – und kommentieren – wir ein wenig:

Das Jahr 2011 wird für die deutsche Druckindustrie ein Entscheidungsjahr

Diesen Satz habe ich – gefühlt – in den letzten 15 Jahren etwa alle 120 Tage gehört und gelesen. Bitte helft mir: Was genau soll sich denn entscheiden? Dass starrköpfig geführte Unternehmen ohne Vision vom Markt verschwinden? Da habe ich einzig tiefes Mitleid mit den betroffenen Angestellten, die diese Entwicklung nicht aufhalten können. Weil sie eben nicht entscheiden dürfen. Unternehmer hingegen können Entscheidungen treffen und Hilfen in Anspruch nehmen. Oder frühzeitig mit ihren Mitarbeitern sprechen. Vielleicht haben die eine weiterführende Idee. Fragen, zuhören! Das könnte entscheidend sein.

Entscheidend für die zukünftige Entwicklung wird sein, welche Weichen die Branche stellt. National und international steht die Druckindustrie vor tief greifenden Änderungen und großen Herausforderungen

Welch fulminante Vermengung einer klassischen Platitüde (Veränderungen) mit dem eigentlichen Kernthema (Weichen stellen). Danach folgt leider kein Aufruf an die Unternehmer, sich diesen Herausforderungen händereibend, voller Freude und mit blendender, von sportlichem Ehrgeiz geprägter Laune zu stellen – sondern ein länglicher Diskurs über all jene, die fies und gemein zu den Druckern sind. Es wird viel Zahlenwerk ausgebreitet, das belegen soll, wie schwierig es ist, in einer Welt, die wieder positiv gestimmt ist, weiterhin klagend nur mäßige Einkünfte zu erzielen. Dazu hätte ich eine Frage: Gilt das Zahlenwerk tatsächlich für alle Betriebe? Oder gibt es vielleicht doch Druckereien, die mehr als rentabel arbeiten? Wie machen die das nur … 

Dann kommt mein Favorit:

Die aktuelle Situation in der Druckindustrie lässt damit für den bvdm keine Vergleiche mit anderen Branchen und deren wirtschaftlichen Entwicklung zu. Im Gegensatz zu anderen exportorientierten und boomenden Industrien steht die Druckindustrie national und international in einem Verteilungskampf.

Und wieder wird eine Welt erschaffen, die offenbar nur für die Drucker unglaublich schwierig ist. Liebe Leute: diese Rahmenbedingungen gelten und galten auch für zahlreiche andere Branchen. Oder glaubt hier einer ernsthaft, andere Produkte und Dienstleistungen stehen in einem rein nationalen Wettbewerb um Marktanteile? Und auch dort sind jene Betriebe, die nicht in der Lage und Willens waren, sich zu überdenken, von der Bildfläche verschwunden. Andere haben ihre Geschäftsfelder und ihre Zielgruppen neu er- und gefunden. Anmerkung: Das kann sogar Spaß machen! Oder anderes gesagt: Probleme sind Gelegenheiten in Arbeitskleidung!

Aber es fließen noch mehr Tränen: Muss doch das Pamphlet des bvdm noch den wahren Schuldigen an der Misere der Druckbranche benennen: den Hilfsarbeiter in seinem unerträglich gierigen Griff nach dem sauer verdienten Geld des braven Druckereibetreibers:

Ein absolutes Handicap für die Betriebe sind die hohen Hilfsarbeiterlöhne. Sie liegen mit einem Stundenlohn von über 12 Euro pro Stunde im Branchenvergleich an der Spitze.

Wenn ich recht informiert bin, ist das etwa das Einkommensniveau einer anständigen Reinigungskraft im privaten Umfeld; nicht besonders viel, nicht besonders wenig. Das sich daraus ergebende Einkommen mag in einem ländlichen Umfeld zu einem anspruchslosen Leben ausreichen. Soweit so gut.

Nun blicken wir mal in die Vergangenheit. War doch der Hilfsarbeiter einst der Joker gewinnmaximaler Betriebsführung. Clevere Druckereibetriebe haben irgendwann Fachkräfte reduziert und durch Hilfsarbeiter ersetzt. Konkret sah das dann z.B. so aus, dass statt zwei Drucker an einer Maschine (von denen einer in der Regel aus- oder weiterbildet werden sollte), einer durch die billigere Variante abgelöst wurde. Noch fuchsigere Unternehmer haben dann auch noch den Hilfsarbeiter abgezogen und den Drucker alleine an der Maschine zurückgelassen. Ergebnis: die Fachkraft musste sich nun zusätzlich um Hilfsarbeiten kümmern … Wer trägt hier nun Schuld an Missständen in personellen Kosten-Leistungsstrukturen?

An dieser Stelle möchte ich einladen zu einer Reflektion: Der Unternehmer verdient Geld mit – weniger durch – seine Angestellten; alleine bewegt er nichts. Vielleicht kann es helfen, sich dieser Schicksalsgemeinschaft etwas bewusster zu sein und daraus neue Handlungs- und Entscheidungswege abzuleiten. Führungsverantwortung statt Selbstmitleid.

In einem Absatz fand ich dann aber doch noch etwas, das durchaus in die richtige Richtung weist:

Der bvdm fordert einen möglichen Arbeitszeitkorridor von 30 bis zu 40 Stunden, der den Realitäten in der Arbeitswelt wieder entspricht. Öffnungsklauseln sollen den Unternehmen die Möglichkeit bieten, praxisgerechte und individuelle Lösungen zu erreichen. Die Druckindustrie muss ihre Kosten senken und sich den Märkten der Zeit und ihren Kunden anpassen, um den strukturellen Wandel zu bewältigen.

Diese Betrachtung geschieht zwar durch die recht eindimensionale Brille des Unternehmers – aber dafür sind Branchenverbände ja auch da. Immerhin versteckt sich in diesem Absatz der einzig strahlende Lichtblick in der ansonsten altväterlichen Meldung. Ich hebe ihn mal heraus aus dem Sumpf des Jammertals:

… und sich den Märkten der Zeit und ihren Kunden anpassen …

Hier haben wir doch mal einen aktiven Ansatz weg von der Lethargie. Also streichen wir den ganzen überflüssigen Rest dieser Pressemitteilung und konzentrieren uns auf diesen Satz. Ich meine, der bvdm sollte in der Unterstützung seiner Mitgliedsunternehmen bei der Umsetzung dieses Punktes im produktiven Alltag seinen Schwerpunkt setzen.

Genau hier bedarf es bei vielen Unternehmern noch eines radikalen Umdenkungs­prozesses. Denn die Anpassung an Märkten und Kunden erfordert zunächst einmal das Verständnis für die Bedürfnisse der Kunden, den Kern der eigenen Leistungsfähigkeit und schließlich die Erkenntnis, wo lukrative Kundensegmente sitzen, die ich mit diesem Portfolio gewinnbringend (für beide Seiten!) bedienen kann. Dieser Schritt bedeutet eine Abwendung vom technikverliebten Druckmaschinenbetreiber hin zum leidenschaftlichen Erforscher von Kundenbedürfnissen. "Marketing" ist noch vielerorts ein Schreckenswort in der Branche. Dann nennt es doch einfach anders: Habt Mut, Lust und Freude an einer kontinuierlichen (!) Kundenorientierung, die Unternehmensleistung unvergleichbar und den Preiskampf unnötig macht. Oder wie meine Frau und Marketingberaterin so gerne branchenübergreifend sagt: Differentiate with value, or die with price. Wenn hierzu Kraft und Wille fehlen, befindet sich das Unternehmen in finaler Agonie, nicht in einer vorübergehenden Klemme.

Die Meldung des bvdm schließt mit allerlei technischen Informationen zu neuen Berufsfeldern, Klimaneutralität und anderen Dingen, bei denen die Branche sehr im eigenen Saft kocht. Auch hier findet keine Betrachtung aus Kundenperspektive und dem damit zusammenhängenden Nutzen statt. An wen also richtet sich diese Pressemitteilung?

Noch ein durchaus wichtiger Punkt findet sich im Text, dessen Umsetzung in der Praxis ich selten in überzeugender Weise gesehen habe:

Die EU-Studie zeigt auch Ansätze und Chancen: Die strukturellen Änderungen in der Branche erfordern von Betrieben und Beschäftigten zusätzliche Flexibilität. Mehrfachqualifikationen und ständige Weiterbildung der Beschäftigten seien notwendig, heißt es darin.

Die Kluft zwischen Rede und Tat erschöpft mich. Daher nur noch soviel dazu: „Mehrfachqualifikation“ und Einsparung bei den Personalkosten passen nur in einem ganz engen und stets aktiv gesteuerten Korridor zusammen. Dabei möchte ich beispielhaft hervorheben, dass heute sowohl der Drucker als auch der Vorstufenmensch halbe IT-Techniker sein müssen, um noch effektiv arbeiten zu können. Ich halte das im Kern für eine ausreichende Mehrfachqualifikation eines Personenkreises, der vor wenigen Jahren mal einen rein handwerklichen Beruf ergriffen hat. Also; bitte erstmal das heute bereits Geleistete anerkennen bevor nach „Mehr“ geschrien wird … 

Kommen wir zum Schluss:

Auf mich wirkt die Pressemitteilung wie eine ungefilterte Zusammenfassung der Klagelieder konservativer Druckereibetriebe, die trotzig an überholten Geschäftsmodellen festhalten und beim Stammtisch Dampf abgelassen haben.

Mein Wunsch an die Tätigkeit des Verbandes: Mehr „Best Practise“ statt „Worst Case“. Damit wäre vielleicht nicht allen geholfen, aber immerhin den Veränderungswilligen.

Schließen möchte ich diesen Beitrag mit einem Zitat von Sir Ernest Shackleton. Wie demütig, zielgerichtet und mutig das folgende Zitat zu verstehen ist, kann und sollte jede Führungspersönlichkeit in einer stillen Stunde einmal nachlesen:

Difficulties are just things to overcome, after all.

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Eine Antwort auf „Druckindustrie = Jammertal?
Ein Kommentar zur Pressemeldung des bvdm vom 19.01.2011“

  1. Ich bin ja nun schon längere Zeit nicht mehr in der „Druckbranche“.
    Aber das Schema: „Wir drücken auf die Tränendrüse, bevor wir in Tarifverhandlungen gehen“ ist in allen Branchen präsent.
    Und führt in allen Branchen im Arbeitnehmerlager zu Misstrauen;
    Im Arbeitgeberlager zu Verwunderung. Verwunderung darüber, dass die Mitarbeiter nicht mehr an einem Strang mit den Arbeitgebern ziehen…
    Das könnte man hier unendlich ausführen.
    Zusammengefasst ist jedoch die Druckindustrie eine Industrie, wie jede andere auch.
    Sie steht vor Herausforderungen, die gemeistert werden wollen.

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