Adobe Project Rome

Im November 2010 hat Adobe die öffentliche Testphase von „Project Rome“ (PR) begonnen. Damit ist eine interessante Gestaltungs- und Entwicklungsumgebung live gegangen, mit der man – während der Testphase kostenfrei – den vollen Funktionsumfang eines hochintegrierten Pakets zur Content-Erzeugung nutzen kann.

Update: Adobe stellt Project Rome wieder ein … crazy! [mehr unten]

Auffällig war bei diesem Livegang – insbesondere wenn man labs.adobe.com kennt –, dass der Start von PR auf der Website von Adobe ungewöhnlich umfassend mit Informationen begleitet wurde. Umfang und Qualität der bereitgestellten Produktinformationen und der Dokumentation entspricht eher dem, was man bei Adobe von einem vollwertigen Produkt gewohnt ist (auf dem reduzierten Niveau der „Nach-Handbuch-Zeit“).

Zusammen mit dem durchdachten und stabilen Eindruck den PR bei der Benutzung hinterlässt drängt sich auf, dass es sich bei PR um ein Projekt handelt, das seitens Adobe mit größter Energie betrieben wird und mit hoher strategischer Bedeutung belegt ist.

Ich möchte dazu im Folgenden die Gedanken ein bisschen schweifen lassen; denn PR ist in vielerlei Hinsicht ein erstaunlicher Schritt. Und er hat beträchtliche Relevanz für das, was künftig „Print“ als Teil einer interaktiver werdenden Welt ausmacht.

Folgende Punkte streift und verbindet PR:

  • Einfache, interaktive und gleichzeitig leistungsfähige GUI
  • Verbindung von Features aus Indesign, Photoshop und Flash
  • Keine Festlegung auf bestimmten Ausgabekanal (Web und Print)
  • Mögliche Social Media Integration (SaaS und Lokal nutzbar)

PR stellt einen beeindruckenden Schritt für Adobe dar; denn es löst sich von 20 Jahre alten Bedienkonzepten und weicht darüber hinaus die Grenzen von statischem und bewegtem Content auf. Offenbar durfte bei der Konzeption völlige Freiheit herrschen. Denn PR wildert munter in vielfältigsten Softwarebereichen von Adobe und verwischt bewusst die Grenzen von lokalem System und Angeboten wie Acrobat.com, das nahtlos in PR integriert ist.

Auch der offenbar bei PR gelebte Ansatz, erst etwas Schlüssiges zu entwickeln und sich dann im Laufe der Nutzung durch Endanwender festzulegen, wie ein künftiges Bezahlmodell aussehen kann, ist historisch betrachtet nicht sonderlich „Adobe-like“ sondern eher ein aus dem Startup-Umfeld bekanntes Verhalten.

Warum macht Adobe das? Was leistet PR?
Und wo führt das hin?

Ich denke, dass man mit PR einen Blick in das Content-Design der Zukunft werfen kann. Spielerische Bedienelemente, die in einem Benutzungskontext erscheinen und wieder verschwinden ermöglichen es, innerhalb kurzer Zeit – auch auf Basis von Templates – zu überzeugenden, auf Wunsch sogar interaktiven, Ergebnissen zu kommen. Dabei kann, muss aber nicht, Unabhängigkeit vom Desktop-Rechner hergestellt werden. Der User muss nicht wissen, ob er lokal oder im Netz arbeitet. Seine Arbeit kann überall verfügbar sein, er kann intuitiv an kollaborativen Prozessen teilnehmen. Er meldet sich mit seiner AdobeID an und kann starten.

Der private User kann einen Großteil seiner Gestaltungs- und Veröffentlichungsaufgaben über PR abwickeln, ohne sich über technische Belange Gedanken machen zu müssen. Dass die aktuell vorgestellte Lösung auf Flash und AIR basiert ist dabei nach Stand der Technik nachvollziehbar, muss aber perspektivisch sicher nicht so bleiben. Man wird sehen, wie sehr Adobe sich HTML5-Lösungen auch in diesem Bereich annähern wird.

Im geschäftlichen Umfeld bieten sich Möglichkeiten, die bisher primär im Bereich von Web-to-Print-Lösungen abgewickelt werden. Mit der Marktmacht von Adobe und gefüttert durch eine „private“ Userbasis, die Erfahrungen im Umgang mit den Bedienelementen von PR sammelt und einbringen kann, mag sich hier ein starkes Gegengewicht zu vielen in den letzten Jahren mühsam entwickelten Web-Frontends von W2P-Lösungen aufbauen.

W2P-Anbieter werden in den nächsten Monaten genau beobachten müssen, wie und in welchen Bereichen PR angenommen wird. Es gilt klar zu beobachten, welche weiteren Schritte Adobe bei der Fortentwicklung nimmt. Denn: bereits jetzt erzeugt PR auf Wunsch ordentliche PDF-Dateien, die sich problemlos aus dem System ziehen lassen. Wird das Ganze noch mit einer Datenbank verknüpft, schwindet die Luft für klassische W2P- oder Database-Publishing-Systeme ohne belastbare Positionierung sehr schnell.

Fazit

Adobe drängt ins Netz. Über Project Rome gewinnen Angebote wie Acrobat.com, die neue Publishing Suite für die Aufbereitung von Mobile Content als Anhängsel an die aktuelle Creative Suite und die neuen Kollaborationsmöglichkeiten von PDF-Dokumenten über Acrobat X eine neue, stark Internet-zentrierte, Dynamik. Es wird schlüssig, dass Adobe mit Macht in Richtung eines auflösungs- und bildlageunabhängigen Bedienkonzeptes marschiert, bei dem eine Zeitleisten-Betrachtung die statische Gestaltung immer mehr auflöst.

Ich habe mich lange gefragt, wie die vielen Einzelprodukte von Adobe mit ihrer großen Tiefe an Detailfunktionen und entsprechend hoher Lernkurve auch künftig noch dazu führen sollen, dass die „Einzelkämpfer“ weiterhin Content generieren können. Mit Project Rome schließt Adobe perspektivisch diese Lücke. Es eröffnen sich völlig neue Horizonte. Für die Erzeuger, die Verwalter und die Nutzer von Content.

Hut ab für diesen mutigen Schritt, Adobe.

Update

Im Forum zu Project Rome hat Adobe gerade angekündigt („Announcement“ oben anklicken), das System nicht weiterzuentwickeln. Man habe genügend Feedback bekommen und darüber ausreichend gelernt. Die Entwicklungsteams würden in Richtung Tablet-Content abkommandiert. Aha.

Dann hoffen wir mal, dass nicht nur die interessanten Bedienkonzepte, die Adobe in Project Rome eingeführt hat, an anderer Stelle wieder auftauchen.

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